Kapitel 2: Aggregation

WuS Teil 2 Modul der Wiso Nürnberg

WuS Teil 2 Modul der Wiso Nürnberg


Eva Vieregge
Diese Karteikarten behandeln auf Universitätsebene die Aggregation von Präferenzen und Informationen in der Volkswirtschaftslehre. Sie beleuchten verschiedene Abstimmungsverfahren wie das Borda-Verfahren, Zustimmungsverfahren und Stichwahlen, sowie deren Vor- und Nachteile. Das Set erklärt auch das Condorcet-Paradoxon, das Arrow-Theorem und das Medianwählertheorem, die die Grenzen und Möglichkeiten der Aggregation von Präferenzen aufzeigen. Diese Karteikarten sind besonders nützlich für Studierende der Volkswirtschaftslehre, die sich mit politischen Entscheidungsprozessen und der Theorie der kollektiven Wahl auseinandersetzen.
Karten
18
Lernende
1
Sprache
Deutsch
Kategorie
VWL
Stufe
Universität
Erstellt / Aktualisiert
10.02.2014 / 17.02.2014

Lernkarten

Aggregation von Information: Problem und Alternativen

Problem:

  • Informationen ex-ante beim Entscheidungsträger nicht vollständig vorhanden
  • Informationen eher auf Individuen verteilt
  • Abstimmungen/ Wahlen aggregieren verteilte Informationen

Alternative Institutionen/ Organisationen:

  • Bevölkerungsumfragen (Politbarometer)
  • Expertengremien
  • Internetforen, Crowdsourcing
  • Märkte (z.B. Wahlbörsen)

Condorcet-Jury-Theorem (Vorteile einer demokratischen Entscheidung)

  • effiziente Politik für jeden Zustand der Welt
  • Information über wahren Zustand dezentral auf Vorstände verteilt
  • Abstimmungen berücksichtigen alle vorhandenen Informationen
  • Wahrscheinlichkeit effiziente Politik zu wählen: größer bei Mehrheitsentscheidung als wenn einer alleine entscheidet
  • steigende Anzahl an Entscheidenen: steigende Effizienz

--> Mehrheitsentscheidung ist aggregationseffizient für Informationen

Annahmen des Condorcet-Jury-Theorems

  • 2 gleichwahrscheinliche zukünftige Zustände
  • zustandsspezifische effiziente Politiken
  • dezentral, identisch und unabhängig verteilte Informationen: jeder Bürger erhält informatives privates Signal mit Wahrscheinlichkeit p über den wahren Zustand
  • Mehrheitswahl bei Erwartungsnutzenmaximierung und homogenen Präferenzen von rationalen Entscheidern
  • identische zustandsspezifische Nutzendifferenzen

Aggregation von Präferenzen; Für wen und wie?

Präferenzen von Gruppen:

Privathaushalt, Freundeskreis, Mitgliederversammlung, Aufsichtsrat, Regierung, Nation, Weltgemeinschaft

Verfahren:

Wahlen/ Abstimmungen, "Auswertung" von Befragungen

Condorcet-Paradoxon

Voraussetzung: mehrgipflige Präferenzen

drei Individuen mit folgenden Präferenzen für Alternativen A,B und C:

  • Individuum 1: A>B>C
  • Individuum 2: B>C>A
  • Individuum 3: C>A>B

--> Bei paarweiser Abstimmung mit Mehrheitswahl entsteht ein Abstimmungskreislauf, kein eindeutiger Gewinner, Zyklus: A>B>C>A

Im Bundestag: Stabilität statt Chaos

  • Status-quo bei fehlender Einigung
  • vorherige Einigung mittels Kompromissen in Ausschüssen
  • Präsidium definiert Abstimmungsreihenfolge
  • Fraktionszwang sichert Führung der Mehrheitsfraktionen die Auswahl

Annahmen des Arrow-Unmöglichkeitstheorems

I : Unabhängigkeit von irrelevanten Alternativen = weitere Alternative ändert kollektive Reihung zweier Alternativen nicht

N : Nichtdiktator-Eigenschaft = Gruppenpräferenz nicht durch ein Individuum bestimmt

P : Pareto-Eigenschaft = wenn alle Individuen eine Alternative vorziehen, dann sollte dies die Gruppe auch tun

U : Universalität der Präferenzen = sämtliche transitiven individuellen Präferenzen möglich

T : Transitivität der Gruppenpräferenz

--> individuelle Präferenzordnungen über mehr als 2 Alternativen können nicht zu einer kollektiven Präferenzordnung aggregiert werden, sodass die Bedingungen erfüllt sind.

Was ist gemäß Arrow-Theorem ein ideals Wahlverfahren?

Ein ideales Wahlverfahrenfür beliebig viele Alternativen (>2) und beliebig viele Abstimmende (>2) und beliebige Präferenzordnungen würde keine der INPUT-Bedingungen verletzen.

--> Aber: Nichtexistenz eines idealen Verfahrens, jedes Verfahren verletzt mindestens eine der Annahmen

--> Auswahl eines Wahlverfahrens: normatives Urteil über akzeptable Abschwächung einzelner Annahmen

Einstimmigkeitsregel

Ein Vorschlag ist nur dann angenommen, wenn alle Abstimmungsberechtigten zustimmen (Entscheidung im Konsens) --> Vetorecht

Einstimmigkeit erfordert:

  • Stimmentausch (Vereinbarung zur gegenseitigen Unterstützung) bzw. Bündelung von Abstimmungen
  • Ausgleichszahlungen

Bewertung der Einstimmigkeitsregel

Pro: Ergebnis pareto-optimal

Contra:

  • hohe Entscheidungskosten
  • Erpressbarkeit
  • Begünstigung des juristischen Status-quo (Veränderung erfordert Vorteile für jeden)
  • Anpassung an unvorhergesehene Änderungen der Rahmenbedingungen schwierig

Optimale Zustimmungsquote

  • unterschiedliche Mehrheiten: einfache Mehrheit (50%), 2/3-Mehrheit, Einstimmigkeit (100%)
  • Entscheidungskosten: steigen mit Zahl der Zustimmungspflichtigen
  • Externe Kosten: sinken mit Zustimmungspflichtigen (erwartete Kosten einer Niederlage)

--> Optimale Zustimmungsquote: minimiert Summe aus externen Kosten und Entscheidungskosten

Optimalität der einfachen Mehrheit

  • nur Zustimmungsquoten >50% führen zu konsistenten Ergebnissen, da eine Alternative A und deren Negation nicht simultan mehr als 50% erzielen können
  • sprunghaftes Sinken der Entscheidungskosten bei 50%
  • einfache Mehrheit bei nicht zu stark fallenden externen Kosten optimal

Annahmen des Medianwählertheorems

  • ungerade Anzahl der Abstimmungsberechtigten
  • Eindimensionalität = Alternativen können in eindimensionalen Politikraum geordnet werden, Ausgabenverteilung vorab festgelegt
  • Eingipfligkeit = Unimodalität, Präferenzen haben nur ein lokales Maximum, Medianwähler nicht mit Sicherheit bestimmbar

--> wenn alle erfüllt: gewinnt die präferierte Alternative des Medianwählers gegen alle anderen Alternativen

Hinweis: bei gerader Anzahl der Wähler kann kein Medianwähler verlieren

--> auch auf indirekte Demokratie bei stimmenmaximierenden Parteien anwendbar: Ausrichtung der Parteienprogramme auf Medianwähler

Grenzen des Medianwählertheorems

  • Multidimensionalität = Medianwähler i.d.R. nicht bestimmbar, z.B. bei finanzpolitischen Entscheidungen (Aufteilung eines Budgets auf mehrere Verwendungsmöglichkeiten, Menge und Qualität eines öffentl. Gutes)
  • Präferenzen hier oft mehrgipflig = Budget für öffentl. Schulen etc.

Alternative Abstimmungsverfahren

  • Borda-Verfahren = jeder Wähler ordnet die n Alternativen nach seinen Präferenzen und vergibt in absteigender Reihenfolge Punkte: n, n-1,... --> Gewinner: Alternative mit den meisten Punkten  -->Verletzt Unabhängigkeit von irrelevanten Alternativen
  • Zustimmungsverfahren (Approval Voting) = jeder Wähler gibt die k von ihm am höchsten bewerteten Alternativen an, mit 1<k<n,     die Höhe k bestimmt jeder selbst (akzeptable Alternativen) -->Gewinner: Alternative mit meisten Nennungen     --> verletzt Pareto-Eigenschaft
  • Abstimmung mit Stichwahl (Runoff Voting) = jeder gibt der am meisten präferierten Alternative einen Punkt, wenn eine Alternative mehr als 50% hat dann hat sie gewonnen, andernfalls Stichwahl zw. den 2 mit den meisten Punkten     --> verletzt Unabhängigkeit von irrelevanten Alternativen

--> keine gesicherte Auswahl des Condorcet-Gewinners

Condorcet-Effizienz

Wahrscheinlichkeit, dass keine Alternative gewählt wird, die mehr als 50% der Wähler schlechter als eine andere Alternative finden, in Simulationen hoch bei Borda-Verfahren

--> Anreiz zum strategischen Wählen bei allen Verfahren

Stimmentausch

= "Logrolling", Bündelung von Abstimmungen

  • indirekte Form des verbotenen Stimmenkaufs bzw. Ersatz für Kompensationszahlungen
  • Probleme bei Umsetzung: Zeitinkonsistenz, Anreiz zur Präferenzverschleierung, Instabilität von Koalitionen

--> Stimmentausch hat bei Zustimmungsquote <100% negative Auswirkung auf Dritte

--> Vorteilhaftigkeit hängt von Größe der Koalition und der Bedeutung dieser für andere ab

Unsichere Reforminzidenz

= wer profitiert von der Maßnahme bzw. wer leidet darunter? = unsichere Betroffenheit

Mögliche Erklärungen bei Unsicherheit über Verteilung der Gewinne und Verluste:

  • Risikoaversion, da Verluste schwerer wiegen als Gewinne
  • fehlende Möglichkeit sich ex-ante zu Transferzahlungen ex-post zu verpflichten

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