Entwicklung und Umwelt


S. B.
Diese Lernkarten behandeln die Themen Entwicklung und Umwelt aus geographischer Perspektive für den Mittelschulbereich. Sie beleuchten Faktoren wie Hunger, Armut und Entwicklungshilfe, wobei Theorien wie die Modernisierungstheorie und die Dependenztheorie im Fokus stehen. Besonders betroffen sind Entwicklungsländer im Süden, wo strukturelle Probleme und Naturkatastrophen die Lebensbedingungen verschärfen. Die Karteikarten eignen sich für Schüler, die sich mit globalen Ungleichheiten und nachhaltigen Lösungsansätzen auseinandersetzen möchten.
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Allemand
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Collège
Créé / Mis à jour
29.05.2012 / 01.03.2021

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Entwicklung

Der Begriff «Entwicklung» geht von bestimmten Zielvorstellungen aus, und diese müssen geklärt werden, bevor man daran zu arbeiten beginnt. Welche Veränderung angestrebt werden soll, lässt sich nicht aus einem Naturgesetz ableiten, sondern orientiert sich an gesellschaftlichen und kulturellen Werten.

«Entwicklung» ist demnach ein normativer Begriff: Er beschreibt einen Soll-Zustand, der aus spezifischen, von einer bestimmten Gesellschaft für erstrebenswert gehaltenen Komponenten besteht.

Was mit «Entwicklung» angesprochen wird, verändert sich je nach gesellschaftlichem und historischem Kontext.

Modernisierungstheorie / «trickle-down»-Effekt

Die Modernisierungstheorie erklärt Unterentwicklung überwiegend durch endogene Faktoren wie traditionell bestimmte Verhaltensweisen, Haltungen, kulturelle Werte oder naturräumliche Bedingungen.

Um diese zu überwinden, müssten sich die Menschen des Südens in ihrer Denk- und Handlungsweise dem Norden anpassen. Erst nach dieser Transformation könne auch der globale Süden vom «Geist des Kapitalismus» durchdrungen werden und seinen Entwicklungsrückstand aufholen.

Wirtschaftliche Entwicklung nach westlichem Vorbild, so die optimistische Annahme, transportiere die entsprechenden Werte und Normen und übertrage diese automatisch auf die sich entwickelnde Gesellschaft («trickle-down»-Effekt).

Mit andern Worten: Die Vertreter der Modernisierungstheorie orientierten sich an einem Modell, das für die bereits industrialisierten Staaten funktioniert hat, dessen Übertragbarkeit auf die Länder des globalen Südens aber keineswegs erwiesen ist.

Kerngedanken der Modernisierungstheorie

Trotz teilweise fragwürdiger Argumente und Kausalverknüpfungen enthält die Modernisierungstheorie einige wichtige Kerngedanken:

Die Transformation von Agrargesellschaften zu Industriegesellschaften ist grundsätzlich möglich. Sie muss von einem umfassenden Wandel der Arbeitsstrukturen und somit auch der gesellschaftlichen Ordnung begleitet werden, um den industriellen «Take-off» erfolgreich zu bewältigen.

Industrielle Produktion verlangt eine Rationalisierung von Arbeit und Zeit sowie den Transfer von technischem Know-how.

Korruption und Kapitalflucht blockieren die Entwicklungsfähigkeit.

Die Politik schafft Rahmenbedingungen, um den Entwicklungsprozess zu fördern und zu steuern.

Kritik an der Modernisierungstheorie

Die Kritik an der Modernisierungstheorie macht geltend, dass zahlreiche reale Beispiele der Theorie widersprechen.

So erzielen z. B. Länder mit einer starken konfuzianischen Tradition wie China oder die sogenannten «asiatischen Tiger» sehr hohe Wachstumsziffern. Die von der dortigen Tradition geforderten Tugenden wie Fleiss, Disziplin und Leistungswillen förderten den Entwicklungsschub.

Indien, ein Land mit tief verwurzelten religiösen Kulturen und einer hierarchischen Gesellschaftsstruktur, hat sich zu einem der weltweit führenden Software-Herstellerländer entwickelt.

Diese Länder machen vor, dass auch vom westlichen Modell abweiche~de Wege zum Erfolg führen können.

Subsistenz

meint eine Wirtschaftsform, bei der die Produktionsgemeinschaft (meistens eine Familie, die aus mehr als zwei Generationen besteht) sich selbstständig versorgt.

Die Subsistenzwirtschaft orientiert sich am tatsächlichen Bedarf der Mitglieder der Produktionsgemeinschaft, sie ist auf Sicherheit ausgerichtet und strebt daher keine Überschussproduktion an.

Cash Crop

Reine Subsistenzwirtschaften existieren fast nur noch in der Theorie - die meisten Gesellschaften sind in irgendeiner Form in lokale Märkte integriert und stossen einen Teil ihrer Produktion ab. Jenen Teil der Ernte, der Bargeld einbringt, nennt man Cash Crop.

Mit dem Geld bestreitet die Familie die anfallenden Ausgaben: das Schulmaterial (Bücher und Uniform) für die Kinder, die Reparatur des Wassertanks, der Einbau einer geeigneten Toilette oder die Anschaffung eines Mobiltelefons.

Geodeterminismus

Geodeterminismus bezeichnet eine Lehre, die davon ausgeht, dass die Natur die menschliche Existenz sowie die Eigenschaften eines Volkes weitgehend bestimmt.

die Natur bestimmt die Kultur

Gemäss Montesquieus Theorie sind sämtliche Aspekte menschlichen Lebens - von der Physiognomie über die Religion bis hin zu moralischen Werten abhängig von der Geografie: Die Natur bestimmt die Kultur.

Dependenztheorie

Im Unterschied zur Modernisierungstheorie macht die Dependenztheorie vor allem exogene Faktoren für das Gefälle zwischen dem globalen Norden und dem Süden verantwortlich. Um «Unterentwicklung» zu verstehen, müsse der Süden als Teil eines internationalen Systems betrachtet werden.

Die Dependenztheorie legt den Schwerpunkt also auf exogene Faktoren. Sie untersucht Entwicklungsländer als Teil des globalen Systems und fragt nach den historischen, politiscnen und wirtschaftlichen Bedingungen, die deren Entwicklung begünstigen oder behindern. Mit ihrer Gewichtung der exogenen Faktoren hat die Dependenztheorie trotz erkannter Einseitigkeit viel zum Verständnis der Disparitäten zwischen Erster und Dritter Welt beigetragen.

Kerngedanken der Dependenztheorie

Zentrale Positionen der Dependenztheorie sind folgende:

Unterentwicklung kann nicht durch hausgemachte (endogene) Faktoren erklärt werden.

Die Entwicklungsländer befinden sich als ehemalige Kolonien in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis.

Lösungsansatz: Die Alternative heisst Abkoppelung und eine selbstständige, auf den Süden konzentrierte Entwicklung.

Kritik an der Dependenztheorie

Die entscheidende Schwäche dieses Ansatzes liegt in seiner Unfähigkeit, den subjektiven Faktor, also das Denken und die Handlungsspielräume der Menschen, mit einzubeziehen.

Die klassische Dependenztheorie kann beispielsweise nicht erklären, warum unter den «weissen Kolonien» Staaten wie Kanada, Südafrika oder Australien trotz ihrer Einbindung in ein koloniales System eine industrielle Entwicklung durchlaufen haben, während dies beispielsweise bei Argentinien nicht der Fall ist.

Die Klassenunterschiede und Machtverhältnisse innerhalb eines Landes werden im Rahmen der Dependenztheorie ausgeblendet.

Entwicklungsländer

Die gebräuchlichsten Merkmale, die die Kandidaten als Entwicklungsländer ausweisen, werden in demografische, ökonomische, soziale und politische sowie ökologische Kategorien unterteilt.

demografischen Merkmale von Entwicklungsländern

Zu den demografischen Merkmalen zählen:

• niedrige Lebenserwartung

• hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit

• rasche Bevölkerungszunahme.

ökonomischen Merkmale von Entwicklungsländern

Zu den ökonomischen Merkmalen zählen:

• geringes Pro-Kopf-Einkommen

• Mangel an qualifizierten Arbeitskräften (Braindrain)

• unzureichende Infrastruktur

• geringer Industrialisierungsgrad

• Abhängigkeit von der Ausfuhr weniger Rohstoffe

• hohe Auslandverschuldung

soziale und politische Merkmale von Entwicklungsländern

Zu den sozialen und politischen Merkmalen zählen:

• unzureichende medizinische und sanitäre Versorgung

• Unter- und Mangelernährung

• hohe Analphabetenquote

• starke Urbanisierung mit Slumbildung

• häufig unzureichende demokratische Legitimität

• politische Instabilität («failing states»)

ökologische Merkmale von Entwicklungsländern

Ökologische Merkmale sind die durch Erosion, Desertifikation und Wasserknappheit gefährdeten Ökosysteme.

Der Druck auf die Landschaft erhöht sich durch Abholzung, durch die intensivierte Landwirtschaft für agroindustrielle Produktion von Lebensmitteln und Agrotreibstoffen sowie die Verstädterung.

Schwellenländer

Die Bezeichnung «Newly Industrialising Countries» bezieht sich auf die sogenannten Schwellenländer mit rasch wachsender Wirtschaft sowie einem fortschreitenden Industrialisierungsgrad. China, Indien, Brasilien, Russland und Südafrika werden unter dieser Kategorie erfasst.

Die gleichzeitige Zuordnung zu den Entwicklungsländern nach OECD-Standards kann man dennoch rechtfertigen, indem man statt von Ländern von den Menschen, die dort leben, spricht: In Indien beispielsweise müssen trotz der beeindruckenden Entwicklung insgesamt immer noch mehr Menschen mit dem absoluten Existenzminimum auskommen als in ganz Schwarzafrika.

Bruttonationaleinkommen (BNE)

Im BNE werden sämtliche Güter und Dienstleistungen, die von Angehörigen eines Staates während eines Jahres produziert werden, erfasst. Es ist also ein Mass, welches die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Staates ausdrückt. Allerdings ist die Aussagekraft limitiert, denn es fliessen nur diejenigen wirtschaftlichen Aktivitäten in die Rechnung ein, welche in Marktpreisen verrechnet werden.

Soziale, politische und kulturelle Dimensionen sind im BNE also nur dann enthalten, wenn sie einen Preis haben.

Weitere Schwierigkeiten sind:

• Unbezahlte Arbeit (zum Beispiel Hausarbeit oder Kindererziehung) wird statistisch nicht erfasst.

• Der informelle Sektor und die Selbstversorgung werden nicht registriert.

• Die Angabe des Pro-Kopf-Einkommens sagt nichts über die Kaufkraft aus.

• Angaben als Durchschnittswerte verdecken Einkommensunterschiede.

• Ökologische und humane Kosten sind im BNE nicht ausgewiesen.

• Politische und soziale Rechte werden nicht erfasst.

Kritik am BNE

Nur monetär

- Informeller Sektor, Tauschgeschäfte

- Freiwilligen Arbeit

- Hausarbeit

Keine Aussage zur Lebensqualität

Verteilung nicht berücksichtigt

Ausbau und Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung

Umweltqualität, Meinungsfreiheit, Arbeitsbedingungen, Gerichtsbarkeit

Human Development Index (HDl)

Einen erweiterten Ansatz wählt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNOP) mit dem sogenannten HDI, dem Human Development Index. Der HDI kombiniert drei Faktoren:

1. Lebenserwartung bei Geburt;

2. Alphabetisierungsrate der Erwachsenen (fliesst zu 2/3 in die Berechnung ein) in Kombination mit der Einschulungsrate auf Primar-, Sekundar- und tertiärer Bildungsstufe (wird zu 1/3 gewichtet);

3. das Pro-Kopf-Einkommen, gemessen an der Kaufkraft; dies ergibt eine realistischere Einschätzung des Einkommens und führt in der Rangordnung dazu, dass gewisse einkommensschwache Länder näher zu den reichen Ländern aufschliessen.

Auch die Aussagekraft der HDI-Klassifikation ist limitiert. Kriterien wie politische Rechte, Umweltbelastung oder soziale Ungleichheit sind nicht darin enthalten.

Kritik am HDI

Umweltbelastung nicht erfasst (ökologische Faktoren fehlen)

Lebensstandard wird über BNE gemessen (also rein monetär erfasst)

Politische Rechte und soziale Ungleichheiten unberücksichtigt (aber Korrektur möglich)

Berechnung des HDIs

Der HDI ist ein Indexwert und wird berechnet, indem von einem bestimmten Indikator - beispielsweise der Lebenserwartung - der höchste Wert mit 1, der niedrigste mit 0 gesetzt wird. Alle Staaten werden mit einem Indexwert zwischen 0 und 1 klassifiziert. Länder mit hohem HDI (über 0,8) positionieren sich auf den vorderen Rängen gegenüber Ländern mit mittlerem (0,5-0,8) oder niedrigem HDI (unter 0,5).

Es gilt: je grösser, desto besser.

Human Poverty Index (HPI)

Gemessen wird:

Gesundheit, Bildung, Lebensstandard

Index:

Zwischen 0 und 1 (je kleiner, desto besser)

Überlebensfähigkeit:

Wahrscheinlichkeit vor dem 40. Lebensjahr zu sterben

Fehlendes Wissen:

Prozentsatz der Analphabeten an der erwachsenen Bevölkerung

Lebensstandard:

Anteil unterernährter Kinder

die vier entwicklungspolitischen Dekaden

Was die Schwerpunkte, Methoden und die Ausrichtung der internationalen Zusammenarbeit angeht, lassen sich mittlerweile vier entwicklungspolitische Dekaden unterscheiden:

1960er-Jahre: Entwicklungshilfe als Geopolitik

Kalter Krieg, Dritte Welt, wachstumsorientiert, Entwicklung nachholen, Modernisierungstheorie

1970er-Jahre: Grundbedürfnisstrategie

Verteilung, Armutsbekämpfung für die ärmsten der Armen, Dependenztheorie

1980er-Jahre: Das verlorene Jahrzehnt

Schuldenkrise, Restrukturierungsprogramme von Weltbank und IWF, rücksichtslose Privatisierung und Deregulierung → Lebensbedingungen wurden schlechter

1990er-Jahre: Hoffnungsdekade durch nachhaltige Entwicklung

Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Massnahmen, Agenda 21, Wahlmöglichkeiten und Fähigkeiten steigern, Unterentwicklung mehrdimensional: Partizipation, Gender, Gesundheit, Bildung, Umweltschutz

1960er-Jahre: Entwicklungshilfe als Geopolitik

Die Strategien der damaligen Entwicklungshilfe beruhten auf einem wachstumsorientierten Entwicklungsverständnis. Die Ansätze diagnostizierten fehlendes technisch-wissenschaftliches Know-how als Ursache für den Rückstand der betroffenen Länder. Die Bereitstellung von Kapital, Gütern und Dienstleistungen sowie die Einbindung in den globalen Handel sollten den Nachholbedarf der «unterentwickelten» Staaten decken. Ausserdem ging man von der Annahme aus, dass «Entwicklung» bei weltweitem Wirtschaftswachstum früher oder später irgendwie «durchsickern» würde. Es galt, die Länder des Südens für Rohstofflieferungen sowie als Abnehmer für westliche Erzeugnisse fit zu machen.

Ergebnis der 1960er-Jahre

Die Ergebnisse der so angelegten Entwicklungshilfe waren unbefriedigend. Die Wachstumsstrategie führte zu einer höchst ungleichen Verteilung der Ressourcen, längst nicht alle Staaten, geschweige denn ganze Bevölkerungen, profitierten. Zudem hatte das aussenpolitische Kalkül zur Folge, dass bei der Vergabe von Geldern korrupte und reformunwillige Regimes profitierten. So verkamen Teile der Entwicklungshilfe trotz hehrer Ziele zu einer dauerhaften Subventionierung von mehr als zweifelhaften Machthabern.

1970er-Jahre: Grundbedürfnisstrategie

Die Auswertung der bisherigen Bemühungen hatte gezeigt, dass das schnelle Wachstum die Ungleichheiten innerhalb von Entwicklungsländern verstärkte, während nur die reichsten 40% der Bevölkerung von den Hilfeleistungen profitiert hatten. Um dies zu korrigieren, wurde die Armutsbekämpfung zum obersten Ziel der Entwicklungshilfe deklariert. Wachstum, so die Erkenntnis, könne nicht unabhängig von der Verteilung betrachtet werden. Als primäre Zielgruppe der neuen Bemühungen galten die Ärmsten der Armen, die mit der sogenannten «Grundbedürfnisstrategie» dabei unterstützt werden sollten, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

1980er-Jahre: Das verlorene Jahrzehnt

Um die Einbindung der Entwicklungsländer in den Weltmarkt voranzutreiben, wurden die Entwicklungsländer umfassend mit Krediten versorgt. Durch einen massiven Zinsanstieg gerieten die Kreditnehmerinnen und -nehmer in eine fatale Schuldenspirale. Die Zinsen überstiegen ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Zusammen mit den fallenden Rohstoffpreisen warf die Überschuldungskrise die bisherigen Entwicklungsanstrengungen heftig zurück.

Schuldenkriese der 1980er-Jahre

Um die weltweite Ausdehnung der vor allem Lateinamerika betreffenden Schuldenkrise und die damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft einzudämmen, stellten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds den betroffenen Ländern neue Kredite aus, die jedoch an einschneidende Restrukturierungsprogramme gebunden waren. Staaten wie Brasilien oder Mexiko verpflichteten sich zu umfassenden und folgenschweren Deregulierungs- und Privatisierungsmassnahmen, ohne Rücksicht auf die massive Verschlechterung des Lebensstandards jener Bevölkerungsschichten, denen besondere Aufmerksamkeit gegolten hatte: den Ärmsten unter den Armen.

Die magere entwicklungspolitische Bilanz liessen die 80er-Jahre im Rückblick als «verlorenes Jahrzeh nt» erscheinen.

1990er-Jahre: Hoffnungsdekade durch nachhaltige Entwicklung

Die Entwicklungspolitik der 90er-Jahre stand im Zeichen der Hoffnung. Mit dem Ansatz einer «nachhaltigen Entwicklung» (Sustainable Development) setzte sich in einer beispielhaften Erfolgsstory ein neues Paradigma durch, welches die Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Entwicklungsmassnahmen ins Zentrum stellt. Eine zukunftsfähige, dauerhafte Entwicklung sollte es gegenwärtig lebenden Menschen ebenso wie den nachfolgenden Generationen ermöglichen, ihre Vorstellungen von einem guten Leben zu verwirklichen.

An der Uno-Umweltkonferenz von 1992 in Rio de Janeiro fanden die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung Eingang in die 40 Kapitel umfassende Agenda 21 sowie in zahlreiche Konventionen, die die Grundlage für eine weltweite Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Umweltproblemen bilden. Die damaligen Zielsetzungen werden derzeit umgesetzt. Wie am Beispiel der Klimakonvention deutlich wurde, gilt es, zahlreiche Widerstände einzelner Staaten zu überwinden.

Agenda 21

Die Agenda 21 ist das globale Aktionsprogramm, das am «Erdgipfel» in Rio de Janeiro 1992 verhandelt wurde. Darin sind beispielsweise Konventionen zum Klimaschutz, zur Erhaltung der Biodiversität, zur Bekämpfung der Desertifikation oder zum Schutz von Gebirgsräumen festgelegt. Die Wahlmöglichkeiten der Menschen erweitern und ihre Fähigkeiten stärken - das ist gemäss dem Uno-Bericht zur menschlichen Entwicklung das Ziel.

Der Ansatz zeigt, dass sich die Problematik der Unterentwicklung nicht auf ökonomische Fragen reduzieren lässt. Der Zugang zu und die Kontrolle über Ressourcen, die Bekämpfung von Hunger und Krankheiten, verbesserte Bildungsmöglichkeiten oder der Schutz der Umwelt gehören ebenso dazu wie die Mitbestimmung von Männern und Frauen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die Aushandlung von unterschiedlichen Interessen und der Aufbau von gemeinschaftlichen Strukturen. Entwicklung hat mit Macht zu tun und ist daher immer auch Politik.

Millennium Development Goals (MDG)

Im September 2000 wurde die United Nations Millennium Declaration von den Regierungen der Uno-Mitglieder unterschrieben und in Kraft gesetzt. Diese gemeinsame Erklärung ist der Beginn einer weltweiten Partnerschaft gegen extreme Armut. Sie markiert einen Meilenstein in der Geschichte des internationalen Engagements für Entwicklung, weil sie messbare Ziele formulierte und sich eine konkrete Zeitlimite gab, um diese Ziele zu erreichen.

Ziele des MDGs

1. Extreme Armut und Hunger sollen reduziert werden

2. Verwirklichung der allgemeinen Primarschulbildung

3. Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und stärkere Beteiligung der Frauen

4. Senkung der Kindersterblichkeit

5. Verbesserung der Gesundheit von Müttern

6. Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und anderen Krankheiten

7. Ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt soll gefördert werden

8. Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft

Die nationalen Regierungen haben sich mit der Unterzeichnung verpflichtet, die ersten sieben MDGs in ihre nationalen Entwicklungs- und Armutsbekämpfungsprogramme aufzunehmen, und viele Länder haben mit der Umsetzung begonnen. Heute setzen die MDGs den klaren Orientierungsrahmen für die internationale Entwicklungszusammenarbeit – auch die Schweiz richtet ihre Programme nach den darin vorgegebenen Prioritäten aus.

Kritik und Verbesserungspotenzial des MDGs

Fehlt an Konsistenz, dauerhafte Hilfe fehlt

Ärmsten der Armen erhalten keine Hilfe

Konsequent kostenlose Bildung, medizinische Versorgung

Kinderarbeit, frühe Verheiratung → Empowerment

Verantwortung «reichere» Welt (Verantwortung bei jedem einzelnen)

Ökologie kommt zu kurz

Absolute Armut

Einkommensmangel unterhalb einer definierten Existenzgrenze von 1.25 oder 2 $ pro Tag.

Armutslinie gilt für alle Länder -> Vergleichbarkeit

Relative Armut

Armutslinie als Prozentsatz des durchschnittlichen Einkommens in einem Land

WHO sieht die Armutsgrenze bei 50% des Durchschnittseinkommens

Problem:

Wenn die absoluten Einkommenswerte ansteigen, bleibt die relative Einkommensarmut konstant.

Extreme Armut

Unter 1.25$ (PPP) pro Tag

(2005: 27% der Weltbevölkerung)

Moderate Armut

Unter 2$ (PPP) pro Tag

(2005: 50% der Weltbevölkerung)

Auswirkungen von Hunger

Menschen haben Mühe zu arbeiten, zu studieren, ja sogar zu spielen.

Kinder weisen Wachstumsdefizite auf, und wegen der ungenügenden Vitamin- und Eiweisszufuhr wird das Immunsystem geschwächt.

Die Menschen werden anfällig für Infektionen und Krankheiten.

Hunger beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit und die Lebensqualität der Menschen, er wirkt sich auch auf die Produktivität und letztlich auf das regionale Wirtschaftswachstum aus. Könnte die Unterernährung von Kindern in Indien beseitigt werden, so wäre es laut der Weltbank möglich, das Bruttonationaleinkommen dieses Landes um bis zu 28 Mia. Dollar anzuheben. Dies entspricht der Summe, die Indien heute für Ernährung, Gesundheitswesen und Ausbildung ausgibt.

Vom Hunger betroffen sind…

Die Mehrheit der Hungrigen lebt in einem Entwicklungsland im Süden.

In ländlichen Regionen:

- Familien sind in der Landwirtschaft tätig und versuchen, sich so gut wie möglich selbst zu versorgen

- oft ist kein eigenes Land vorhanden, Arbeit und damit Einkommen sind nur saisonal gesichert

- auch wenn genug Essen vorhanden ist: Unter solchen Bedingungen ist es schwierig, Vorräte anzureichern

In den Städten:

- besonders betroffen sind junge Männer und Frauen, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft dorthin gezogen sind

- häufig arbeiten sie in schlecht bezahlten und unsicheren Jobs (wenn sie überhaupt Arbeit finden)

- sie leben in den Slums

Überproportional von Hunger betroffen sind Personen, die von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren oder Erdbeben betroffen sind. Ihre Häuser und damit ihr ganzes Hab und Gut sind durch das Ereignis zerstört worden. Auch Kriege tragen zum Hungerproblem bei.

Étudier