Anne Frank

L6 Anne Frank ein Familiendrama?

L6 Anne Frank ein Familiendrama?


A. R.
Diese Lernkarten bieten eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem "Tagebuch" der Anne Frank und seiner Rezeption, geeignet für ein universitäres Niveau. Sie beleuchten die verschiedenen Phasen der Interpretation, von der ersten Phase der Veröffentlichung bis hin zu späteren Debatten wie dem Historikerstreit, und analysieren, wie Anne Frank und ihr Werk im Kontext des Holocaust und der deutschen Geschichte wahrgenommen wurden. Besonders betont wird die Entwicklung der Deutungsmuster, die von einer humanisierenden Sichtweise bis hin zu einer kritischeren Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus reichen. Diese Karteikarten sind ideal für Studierende der Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft, die sich mit der Rezeption von Zeitdokumenten und der historischen Einordnung von literarischen Werken beschäftigen.
Flashcards
52
Students
1
Language
German
Category
Literature
Level
University
Created / Updated
24.08.2014 / 24.08.2014

Flashcards

Die Literatur des Holocaust bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Welche? 

Literatur die sich thematisch mit dem Holocaust befasst, ist besonderen Hindernissen ausgesetzt, hauptsächlich im Gebiet des Geschmacks.

Ein wichtiges Anliegen ist die Vermeidung der sogenannten Ästhetisierung des Holocausts: man will ihn nicht beschönigen. Man muss dennoch vorsichtig sein, dass die Arbeit nicht zu einem billigen Horrorstreifen oder Schauerroman verkommt.

Erfahrungen der Opfer wie Hunger, Angst, die Qual im Dabeisein bei der Tötung der Freunde und Familie und dann noch die Tatsache, dass man dazu gezwungen wird, ohne sie weiterzuleben. All diese Erfahrungen sind schwierig, aber nicht unbedingt unmöglich darzustellen. 

Wie hieß der Originaltitel des Tagebuchs und welchen Zeitraum behandelt es? 

Das Tagebuch der Anne Frank erschien unter dem Originaltitel Het Achterhuis (Das Hinterhaus). Es behandelt die Zeit vom 12.Juni 1942 – 1. August 1944. 

Was sind die bevorzugten Themen von Anne? 

Sie berichtet zu Anfangs von ihrer Familie und den Freunden, ihrem Schultag und von ihrem privaten Leben. Nur am Rande werden die politischen Veränderungen in den Niederlanden beschrieben. Die Hauptthemen beziehen sich auf das Leben und den ungewöhnlichen Alltag  im Hinterhaus. Zudem schildert sie ihre Sexualität und die aufkeimenden Gefühle zu Peter. 

Anne begann ihr Tagebuch also als privaten Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle die keiner lesen durfte. Warum änderte sich dieser Plan? 

Anne begann ihr Tagebuch also als privaten Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle die keiner lesen durfte. Dieser Plan änderte sich am 29.3.44, als sie bei Radio Oranje hörte, wie der Minister für Bildung, Kunst und Wissenschaft in der niederländischen Exilregierung davon sprach, dass er nach Kriegsende die Unterdrückung öffentlich dokumentieren wolle.

Ab diesem Zeitpunkt strebt Anne die Veröffentlichung ihres Tagebuchs an. Sie überarbeitet daraufhin ihre Einträge, entfernte und veränderte einige Abschnitte, die ihrer Meinung nach uninteressant oder zu intim für die Öffentlichkeit waren. Außerdem adressierte sie nun alle Einträge einheitlich an Kitty, die seit November 42 ihre Ansprechpartnerin war. 

Mit wem lebte Anne im Hinterhaus? 

Anne Frank versteckte sich 2 Jahre lang vor dem Nationalsozialisten, um der Deportation und Ermordung zu entgehen. Sie lebte dort mit ihrer Mutter Edith, ihrem Vater Otto, der Schwester Margot der jüdischen Familie van Daan (inkl. Peter) und einem jüdischen Zahnarzt. 

Wann und von wem wurde die Familie verhaftet? 

Was geschah mit Annes Aufzeichnungen?

Am 4. 8. 44 wurden sie, von einem bis heute Unbekannten, verraten und vom SS – Oberscharführer Karl Silberhauer verhaftet. Nach der Verhaftung der Untergetauchten nahm die Helferin Miep Gies das Tagebuch an sich und bewahrte es so vor dem Zugriff der Gestapo. Annes Aufzeichnungen übergab Miep nach dem Krieg, dem einzigen Überlebenden der Familie, Otto Frank. 

Wann starben Anne und ihre Schwester Margot? 

Anne und Margot wurden Ende Oktober oder Anfang November nach Bergen- Belsen gebracht. Das Lager befand sich in einem katastrophalen Zustand und beide erkrankten bald darauf an Typhus. Sie starben im März 45. 

Wann und wie begann die Judenverfolgung in den Niederlanden? 

Der Beginn der Judenverfolgung in den Niederlanden begann am 10. 5. 1940 als die deutschen Truppen in den Niederlanden einmarschierten.

Diese kapitulieren bereits 5 Tage später. Bereits zu diesem Zeitpunk folgen antijüdische Maßnahmen der deutschen Besatzungsmacht. Ab März 41 wurden Juden auf lokaler Ebene und dann bald landesweit der Zugang zu Hotels, Restaurants usw. verboten. 

Die Aufzeichnungen der Anne Frank, bestehend aus gebundenen Büchern, Schreibheften und losen Blättern wurden von den Sachgutachterinnen Anne Marie Hübner und Minna Becker geordnet und gegliedert. 

Was macht das Tagebuch I aus? 

Das Tagebuch I ist 128 Seiten stark,  3 Seiten wurden von Anne aus einem Schreibheft zusätzlich eingefügt und weitere Beiblätter mit denen sie der Raumknappheit begegnete wurden eingeklebt.

Der Beginn des Tagebuchs I ist der 12.6. 42, das Ende der 5.12. 42.

Der Inhalt dieses Tagebuchs gliedert sich in 4 Teile, der erste handelt von der Zeit als Schulmädchen, zwar schon im jüdischen Lyzum, aber noch in Freiheit. Der 2. Teil behandelt die ersten Tage des Untertauchens. Ab dem 3. Teil, also ab September 42 entsteht die Briefform und der Protest gegen die Mutter.

Das Verhältnis zur Mutter verschlechtert sich bis zur Unerträglichkeit. Der Vater wird zum idealisierten Gegenpol des Verstehens und Sichverstandenfühlens. Doch schließlich geht auch hier das Vertrauen verloren. Peter ist in ihre Beziehungswelt eingetreten. Mit ihm zusammen kann sich Anne von der Welt der Erwachsenen distanzieren. Der 4. Teil umfasst nur Nachtragung aus späterer Zeit. 

Was macht das Tagebuch II aus? 

Das Tagebuch II, beginnt im Dezember 42 und endet mit dem Brief vom 17.4.44. Es steht im Zeichen zweier wichtiger Prozesse, der eine ist der eher fortgeschrittenen und fortschreitenden geistigen Klärung, in deren Verlauf sie sich ihrer starken religiösen Bindung bewusst wird, der andere berührt sie, ausgelöst durch einen Traum in ihrem Mädchendasein. Zudem wird die Liebe zu Peter behandelt. 

Was macht das Tagebuch III aus? 

Den Zeitraum vom 17.4. – 1.8.44 behandelt das Tagebuch III. Es ist das am wenigsten spannungsreiche Tagebuch.  Anne erkennt die Problematik der eigenen Natur an sich und treibt zielsicher ihre eigene Entwicklung voran. 

Was ist die Loseblättersammlung? 

Neben diesen 3 Tagebüchern gibt es noch die Loseblättersammlung, diese ist nichts anderes als das Manuskript in überarbeiteter Form. Dieses wollte sie nach dem Krieg als Roman veröffentlichen. Diese Fassung besitzt eine Kapitelzählung, ein Personenverzeichnis mit Decknamen, sexuelle Themen wurden gestrichen, sowie bereits Gesagtes, die Episode mit Peter kommt gar nicht vor und es wird allgemein viel von Anne gekürzt. 

Nachdem Otto Frank die Aufzeichnungen von Miep Gies erhalten hatte, laß er diese durch und fertigte eine holländische Abschrift davon an, die er den lebenden Verwandten zukommen lassen wollte. Wie wird diese Abschrift bezeichnet und was macht diese aus? 

Diese Abschrift ging verloren. Das niederländische Institut für Kriegsdokumentationen bezeichnet die Abschrift Otto Franks als Typoskript I. Man erkennt bei dieser Abschrift ganz deutlich, dass Auslassungen, Ergänzungen und Erläuterungen von Otto Frank vorgenommen worden sind. Dieses Typoskript besteht aus 177 Kapiteln, bzw. Briefen. Die meisten entnahm er  der Loseblättersammlung.

Was versteht man unter dem Typoskript II? 

Anschließend bat Otto Frank, Albert Cauvern, seine Abschrift auf grammatikalische Fehler zu prüfen und Germanismen  auszumerzen. Cauvern nimmt weitere Änderung bezüglich der Form vor, so bspw. die Einheitliche Anredeform „Liebe Kitty““ und er führt die Decknamen ein. Die von Cauvern überarbeitete Abschrift Otto Franks, wird von Cauverns Frau Isa 1946 mit der Schreibmaschine fertig gestellt. Dieses Skript nennt man folgerichtig Typoskript II. 

Anfangs ließ sich trotz des überarbeiteten Skripts kein Verlag für Annes Aufzeichnungen finden. Wie änderte sich dies? 

Erst als Jan Romein (holländischer Journalist und Historiker) die Aufzeichnungen mit Begeisterung las, kam die Veröffentlichung in Gang. Er verfasste über das Typoskript II einen Artikel, der am 3.4.46 in der niederländischen Tageszeitung Het Parool mit dem Titek „Kinderstem“ (Kinderstimme) publiziert wurde. Daraufhin nahm der niederländische Contact Verlag das Buch auf.

Wie überarbeitete der Contact Verlag das Skript? 

Es wurden u.a. Passagen über die Mutter und Annes Beschreibungen über ihre Reifung zu erwachsenen Frau aus dem Text gestrichen. Die Streichungen und Änderungen sind aber in  Absprache mit Otto Frank vorgenommen worden. Sie spätere deutsche Ausgabe übernimmt diese Streichungen nicht. 

Wen beauftragte Otto Frank mit der Übersetzung ins Deutsche? Was kritisierte er später? 

Otto Frank beauftragte für die Übersetzung ins Deutsche die Berliner Journalistin Anneliese Schütz, die selbst Opfer der NS Gewaltherrschaft war. Sie kannte Anne und wurde nicht zuletzt deswegen für geeignet gehalten. Otto Frank erkannte aber später, dass Schütz zu alt war und sie darum viele Ausdrücke schulmeisterlich übersetze und nicht im Ton der Jugend. Weiter, so Otto Frank, hätte sie viele holländische Ausdrücke missverstanden.

Ganz generell kann man bei Schützes Übersetzung vier Gruppen der Veränderungen gegenüber dem Original erkennen. Welche? 

1. Sie nimmt Auslassungen vor, die sich auf typisch niederländische Verhältnisse beziehen und die bei der Übertragung ins Deutsche inhaltslos werden würden.

2. Dann nimmt sie Kürzungen vor an Stellen die den Charakter von Längen haben.

3.  ignoriert sie komplett den zeitgeschichtlichen Hintergrund.

4. werden alle Aussagen die auf die Deutschen bezogen sind ignoriert.. 

Wie lautet das Vorwort von Marie Baum? Was wurde kritisiert? 

Marie Baums Vorwort lautet: „ Wir atmen mit ihnen die gefängnishafte Luft des Hinterhauses“. 

 

Schütz und Baum wurde der Vorwurf gemacht, dass sie auf eine Identifikation der deutschen Gesellschaft mit den Opfern und nicht mit den Tätern hingearbeitet hätten.  So wird dem Leser ein Wir Gefühl verdeutlicht, das ich in dem Opfer Anne Frank und dem Opfervolk der Deutschen widerspiegelt. Es ermöglicht dem Leser, seine eigenen Taten auszublenden und enthebt ihn in der Pflicht, Rechenschaft über die Vergangenheit abzulegen.

Baum und Schütz wird Enthistorisierung vorgeworfen! Was bedeutet das? 

Dieser Versuch der Enthistorisierung, die Konstruktion einer allgemeinen Opfergemeinschaft, die jüdische und nichtjüdische Menschen einschloss, blockierte von Anfang an alle konkreten Fragen nach der Verantwortung des jeweils einzelnen für die Judenvernichtung. Durch diese Enthistorisierung wurde das in den 50er Jahren in der BRD dominierende Selbstverständnis, die Deutschen als Opfervolk zu sehen, noch verstärkt. 

Man kann als Kritik ebenso noch den Punkt der Universalisierung erkennen. Was ist damit gemeint? 

Schütz, so lautet eine Kritik, habe versucht das Schicksal der Anne Frank zu universalisieren.  Dies tat sie, indem sie gravierende Änderungen vornahm.

Zum Beispiel wurden aus „den Deutschen“ die „besetzende Macht“. Alle Hinweise, die auf die ganz allgemeine Bedrohung der deutschen  hindeuten, gehen somit verloren. Weiter lässt Schütz ganze Teile aus. Bspw. beschreibt Anne am 9.10.42 das Lager Westernbork und die Bedingungen dort.

Ebenso werden Teile weggelassen, in denen Anne die Ermordung der Juden im Osten erwähnt hatte. Somit bleiben dem Leser alle Hinweise auf die Judenvernichtung erspart. 

Wann wurde das Tagebuch in Deutschland veröffentlicht und unter welchem Verlag? 

1950 ist der Lambert Schneider Verlag bereit dazu, die Übersetzung zu publizieren. Das Buch erschien unter dem Titel „Tagebuch der Anne Frank, 14.6.42- 1.8. 1944“. Das Vorwort stammt von der Sozialwissenschaftlerin und Politikerin Marie Baum. Die Nachfrage hielt sich stark in Grenzen. 

Wie kam es zu mehr Popularität des Tagebuchs? 

Unter welchem Verlag wurde es erneut veröffentlicht? 

Erst die Veröffentlichung in den USA 1952 machte auf das Buch in Deutschland aufmerksam. Im März 55 wurde die deutsche Übersetzung des Tagebuchs von Schütz erneut, diesmal in einer preisgünstigen Taschenbuchausgabe des S. Fischer Verlags auf den deutschen Buchmarkt gebracht.

Die Aufschrift auf dem Einband lautete: Ich glaube an das Gute im Menschen. Hier wird ein neues Vorwort verfasst, diesmal von Alber Goes. 

Inwiefern hat sich das Vorwort verändert? 

Auch er ermutigt den Leser, sich mit Anne Frank zu identifizieren.

Er verhindert die Möglichkeit, das im Tagebuch Beschriebene, als Folge der deutschen Politik zu erkennen.  Ca. 40 000 Exemplare wurden nun verkauft. 

 

Wann kam die richtige Erfolgswelle? 

Die richtige Erfolgswelle  kam aber erst Ende 56 als die amerikanische Bühnenfassung von Frances Goodrich und Albert Hackett auch auf den deutschen Bühnen aufgeführt worden ist. 57 wurde dies zum meistgespielten Theaterstück in Deutschland. 

Was kann man ganz allgemein über das Selbst- und Geschichtsbild der Deutschen in den 50er Jahren sagen? 

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass eine harte Arbeit der Selbstprüfung und die kritische Beschäftigung mit den NS Massenverbrechen, sowie die genaue historische Untersuchung der Tätergruppen nur sehr unvollständig stattfand in den 50er Jahren. 

Wer befasste sich als Erster mit dem Tagebuch in Form eines Theaterstücks? 

In den 1950er-Jahren geriet Levin in eine Auseinandersetzung um die Rechte an einer Bühnenfassung des Tagebuchs von Anne Frank, die ihn jahrelang stark beschäftigte und am Ende verbittert zurückließ.

Seine Frau hatte ihn 1951 auf das Buch hingewiesen, daraufhin hatte er seine Veröffentlichung in den USA befördert und mit einer Kritik in der New York Times Aufmerksamkeit auf es gelenkt.

Mit Einverständnis von Annes Vater Otto Frank nahm er die Arbeit an einer Dramatisierung des Tagebuchs auf und ließ der Broadway-Produzentin Cheryl Crawford einen Entwurf zukommen, den diese akzeptierte. 

Wer nahm die Produktion als Theaterstück folglich in Angriff? Wann und wo kam es zur Uraufführung? 

Auf Ratschlag von Lillian Hellman, die Levins Fassung unzulänglich fand, beauftragte Crawford dann aber das Autoren-Ehepaar Frances Goodrich und Albert Hackett mit der Adaption.

Ihr Zweiakter The Diary of Anne Frank, im Oktober 1955 am Cort Theatre in New York uraufgeführt, wurde ein Riesenerfolg, mit dem Pulitzer-Preis und dem Tony Award ausgezeichnet und 1959 von George Stevens in einen mehrfach Oscar-prämierten Spielfilm umgesetzt.

Wie reagierte Levin auf die "fremde" Theaterfassung? 

Levin behauptete, das Theaterstück vernachlässige in beschämender Weise die jüdische Thematik des Tagebuchs, bediene sich andererseits aber bei seinem Entwurf.

Er verklagte Kermit Bloomgarden, der das Stück anstelle von Crawford produziert hatte, sowie Goodrich, Hackett und Otto Frank.

Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, der schließlich mit einem Vergleich endete, demzufolge Levin eine Entschädigung erhielt, aber darauf verzichtete, seine Adaption zu veröffentlichen. Levin, der sich mit dem Ergebnis nicht abfinden wollte und für den Rest seines Lebens darum kämpfte, sein Theaterstück auf die Bühne bringen zu dürfen.  

Wann kam das Theaterstück nach Deutschland? 

Die Inszenierung von Goodrich und Hackett (USA) wurde, wie oben bereits erwähnt , ab Ende 56 auf den westdeutschen Bühnen aufgeführt und bereits 57 zum meistgespielten Theaterstück der BRD. 

Was steht inhaltlich im Fokus dieser Inszenierung? 

Im inhaltlichen Fokus dieser Inszenierung steht das alltägliche Leben im Versteck, die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Aufkeimende Liebe zu Peter und das schwierige Verhältnis zur Mutter. 

Wie wird die Person Anne Frank dargestellt? 

Die Gestalt der Anne Frank in dem Theaterstück wurde zum Symbol für die Überwindung des Leidens durch den unzerstörbaren Glauben an den Sieg des Guten in der Welt. Sie war eine Person, die das Leben bejahte und nicht eine, die ihre Verfolger anklagte. Sie strahlte auf der Bühne also ein versöhnliches Vertrauen aus. 

Wie lässt sich die positive Resonanz erklären? 

Diese  Rezeption erweckt den Anschein, als könne die Ermordete dem Mörder vergeben.

Anne Frank klagte nicht an, und das erklärt die gewaltige positive Rezeption des Tagebuchs, sowohl als Lektüre, als auch als Theaterstück. 

Was wurde an der Theaterfassung kritisiert? 

Auch diese Fassung ist geprägt von kritischen Stimmen: Goodrich und Hackett schreiben die Geschichte der Anne Frank so um, dass sie zu einer frohen Botschaft wurde und den Anschein erweckte, es handelte die Geschichte lediglich von „Aufblühen eines jungen Menschen unter der schrecklichen Geschichte“.

Es wird nur die fröhliche Seite der Anne betont. Die Taten der Nazis werden auf der Bühne gar nicht behandelt. Es zeigt weder was im Inneren der Lager geschah, noch kommen andere Szenen vor, die auf die Gräueltaten der Nazis hinweisen.

Die Figur der Anne Frank war mit unendlicher Hoffnung ausgezeichnet und hielt an einem grenzenlosen Optimismus fest.

Deutlich wird dies insbesondere durch das gewählte Ende des Theaterstücks, das auch dessen durchschlagenden Erfolg verursachte.

Was macht den Schluss des Theaterstücks aus?

In der letzten Szene ertönt Annes Stimme aus dem Jenseits, und der Zuschauer vernahm die Worte: „Trotz allem glaube ich an das Gute im Menschen“. 

Was wird durch diesen Satz vermittelt? 

Dieser Satz vermittelt dem Zuschauer das scheinbare Überleben der Anne Frank . Durch ihn fühlt er sich erleichtert und bekommt so nicht den Drang sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. 

Wieso kann das Theaterstück Ende der 50er Jahre als Familiendrama angesehen werden? 

Das Theaterstück könnte durchaus auch als Familiendrama gesehen werden,  da es zwar, auf den ersten Blick gesehen, von der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis handelt, aber der Zuschauer erlebt im Wesentlichen nur, wie es liebenswerten Menschen trotz des ganzen Unheils gelingt, ihr Familienleben weiterzuführen.

Die Dramatik besteht darin, dass aus dem Kind Anne ein junges Mädchen und schließlich eine junge Erwachsene wird, die sich mit ihren Eltern auseinandersetzen musste und sich das erste Mal verliebte.

Die Extremsituation wird also nicht als die Bedrohung durch die Nazis gesehen. 

Wann war die erste Rezeptionsphase? 

Die 1. Phase beginnt 1950 (Erscheinungsjahr des Tagebuchs im Lambert Schneider Verlag Heidelberg)  und endet mit der Uraufführung des Theaterstücks im Oktober 56.

 

Welches Verhalten zeigen die Deutschen in dieser Rezeptionsphase? 

Die Deutschen zeigen in dieser Zeit ein unkritisches, wenig reflektiertes Verhalten ggü. der NS Vergangenheit. (Nationalsozialismus als überwundene Krankheit) .

Die Schuld wird folglich aufgeteilt auf wenige Personen der Führungselite. Das Tagebuch der Anne Frank wurde als rein menschliches Dokument verstanden, man sah fast nur die große Einsamkeit eines Mädchens.

Hier wird die Abwehrhaltung und das bewusste Verdrängen der Gesellschaft deutlich, es stehen keine politischen Reflexionen im Fokus. 

Was ist ein weiteres Muster der 1. Rezeptionsphase? 

Ein weiteres Muster aus der 1. Phase war die Verkehrung des jüdischen Schicksals in ein allgemein europäisches Schicksal während des 2. WKs. Es litten demnach alle Menschen unter dem Krieg. Durch diese Einstellung geht der historische Kontext flöten. 

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