Seminar Teilhabe und Diversität
Integration und Teilhabe
Integration und Teilhabe
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Lernkarten
Definiere Integration als soziologisches Konzept
Allgemein: "Zustand des Gesellschaft, in dem alle Teile miteinander verbunden sind und eine nach außen abgegrenzte Einheit bilden." (Münch 1997)
Zwei Ebenen: Systemintegration (Verhältnis gesellschaftlicher Subsysteme (Wirtschaft, Politik, etc.)) und Sozialintegration (Einbeziehung von Individuen und Gruppen in gesellschaftliche Netzwerke)
Integration nicht gelungen: Desintegration oder Segmentation
Übertragung auf Migration -> Einbeziehung von MigrantInnen in Sprache/ Kultur, Bildung/ Arbeitsmarkt, soziale Beziehungen, politische Partizipation
Klassische Assimilationstheorie
Chicago School
Park & Burgess (1920)
Zentrale Idee: Integration erfolgt über eine schrittweise Angleichung der Einwanderer an die Mehrheitsgesellschaft ("straight line assimilation")
Race Relation Cycle: "Kontakt -> Konflikt -> Akkomodation -> Assimilation ("Verschmelzung" unterschiedlicher Gruppen zu einer gemeinsamen kulturellen Lebensform)
Ziel: Abbau ethnischer Grenzen - individuelle Fähigkeiten statt Herkunft bestimmen soziale Position
Klassische Assimilationstheorie
Milton Gordon (1964)
differenziert sieben Teilprozesse der Assimilation
Akkulturation (Übernahme kultureller Muster)
Strukturelle Assimilation (Aufnahme in Gruppen/ Institutionen)
Eheliche Assimilation (interethnische Partnerschaften)
Identifikative Assimilation (neue nationale Identität)
Bürgerliche Assimilation (keine Wertkonflikte in Öffentlichkeit)
Abwesenheit von Vorurteilen und Diskriminierung
Schlüssel: strukturelle Assimilation als Voraussetzung für alle anderen Formen
Kritik klassische Assimilationstheorie
Ethnozentrisch, normativ, US- spezifisch, homogenitätsorientiert (Mainstream)
Integration als rationale Entscheidung
Grundlage: Rational- Choice- Theorie: Integration ist das Ergebnis individueller Kosten- Nutzen- Abwägung (Esser 2001)
MigrantInnen handeln instrumentell rational: Investition in Sprache, Bildung, Netzwerke hängt ab von:
Erwartetem Nutzen (z.B. bessere Arbeit durch Sprachkenntnisse)
Erfolgswahrscheinlichkeit (Bildung, Alter)
Kosten der Integration (Zeit, Geld)
Integration als rationale Entscheidung
Vier Typen nach Integrationsrichtung
Integration kann durch Assimilation erfolgen, muss aber nicht.
Mehrfachintegration: Integration in Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft
Segregation: Intergration in Herkunftsgesellschaft, aber nicht in Aufnahmegesellschaft
Assimilation: Intergration in Aufnahmegesellschaft, aber nicht in Herkunftsgesellschaft
Marginalisierung: Keine Integration in Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft
Integration als rationale Entscheidung
Dimensionen der Sozialintegration und Kritik
Kulturation: Wissen, Kompetenzen und Sprache
Platzierung: Position im Bildungssystem/ Arbeitsmarkt
Interaktion: soziale Beziehungen
Identifikation: emotionale Bindung an Gesellschaft
Kritik: Einseitig, betont individuelle Anpassung als individuelle Entscheidung statt struktureller Barrieren; wenig Beachtung sozialer Ungleichheit und Machtverhältnisse
Neuer Ansätze: Neoassimilation (Alba& Nee 1997/ 2003)
Assimilation: Abnahme ethnischer Grenzziehungen (boundary crossing, shifting, blurring)
Veränderung auch der Mehrheitsgesellschaft - nicht einseitig!
Offener, institutionenorientierter Ansatz (Neoinstitutionalismus)
Integration kann additiv und gegenseitig erfolgen (z.B. Mehrsprachigkeit, doppelte Staatsangehörigkeit)
Neuere Ansätze: Neo- und segmentierte Assimilation (Portes & Zhou 1993)
Segmentierte Assimilation
mehrere Integrationspfade:
Aufstieg durch Mainstream- Assimilation, "Downward Assimilation" an marginalisierte Unterschichten, Stabilisierung durch ethnische Netzwerke (selektive Beibehaltung von Herkunftskultur)
relevante Faktoren:
Politische Interkooperationsmodi, Ökonomische Lage, Ressourcen ethnischer Communities, Diskriminierung & lokale Kontext
Kritik Neuere Ansätze
komplex, aber empirisch differenzierter. Zeigt: Assimilation ist nicht autonmatisch Integration oder Aufstieg
Neuere Ansätze: Multikulturalismus & Transnationalismus
Ethnischer Pluralismus/Multikulturalismus
Kerngedanke: Gleichwertigkeit kultureller Differenz, staatliche Förderung von Vielfalt
Kritik: Normativ, wenig Erklärungskraft, Gefahr der Fragmentierung
Transnationalismus
Kerngedanke: MigrantInnen leben in transnationalen Räumen, Mehrfachbindungen über Grenzen hinweg
Kritik: Beschreibend, nicht erklärend; Integration bleibt lokal bedeutsam
Teilhabeorientiertes Integrationskonzept
Teilhabeorientierung und Chancengleichheit: gleichwertige Teilhabe aller Menschen
Anerkennung von Vielfalt: Anerkennung verschiedender kultureller, ethnischer und sozialer Hintergründe - Bereicherung
Offenheit und dynamischer Prozess: Integration als fortlaufender und sich entwickelnder Prozess; offen für neue Ideen und Ansätze
Gemeinsame Verantwortung und wechselseitige Interaktion: Beide Seiten sind aktiv an dem Prozess beteiligt; Integration als gemeinsame Verantwortung aller Mitglieder der Gesellschaft; eigene kulturelle Beiträge einbringen
Kritik am Integrationsparadigma
Normativer asymmetrischer Anpassungsimperativ ("Einwanderer müssen sich integrieren")
Gesellschaft wird als statisch und homogen gedacht
Ausblendung von Diskriminierung, Macht und Rassismus
Neue Perspektive notwendig: Integration als Teilhabe statt Anpassung
Teilhabe als weiterentwickeltes Konzept
Fokus auf Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen statt bloßer Eingliederung
Strukturelle Perspektive: Zugang zu Ressourcen, Chancen, Rechten
Gesellschaftliche Mitverantwortung: Teilhabe = beidseitiger Prozess
Ziel von Teilhabe ist eine grechte und vielfältige Gesellschaft
Konsequenz: Forschung & Praxis evaluieren Barriereabbau, Capability- Entfaltung und fairen Zugang zu gesellschaftlichen Teilsystemen
Klassisches Integrationsverständnis
Fokus: Anpassung von MigrantInnen
Normativer Kern: Einheitliche Werte, Homogenität
Ziel: Eingliederung in bestehende Strukturen
Verantwortung: Bei MigrantInnen
Erfolgskriterium: Apassungsgrad
Teilhabeorientiertes Verständnis
Fokus: Wechselseitiger Prozess
Normativer Kern: Vielfalt, Pluralität
Ziel: Transformation gesellschaftlicher Strukturen
Verantwortung: Bei Individuen und Institutionen
Erfolgskriterium: Partizipationschancen
Was ist kulturelle Teilhabe/ Integration?
Lern- und Anpassungsprozess, bei dem Migranten und die Mehrheitsgesellschaft in einer Gesellschaft gegenseitige Veränderungen von Werten, Normen und Verhaltensweisen durchlaufen
Prozess beinhaltet, dass Migranten Kompetenzen erwerben, die für Kommunikation, Arbeitsleben und gesellschaftliche Teilhabe erforderlich sind, sowie eine Anpassung ihrer kulturellen Einstellungen
Gleichzeitig kann die Mehrheitsgesellschaft durch Kontakt mit Migranten ebenfalls kulturelle Veränderungen erfahren
Sprache als kulturelle Praxis, Komptenz und Symbolsystem
Sprache ist Trägerin von Bedeutungen, Werten und sozialen Normen
vermittelt Zugehörigkeit zu kulturellen Gemeinschaften und ermöglicht die Teilhabe an Gesellschaft und Arbeit
-> Wer die dominante Sprache nicht spricht, bleibt oft von gesellschaftlicher Kommunikation, Bildung und öffentlicher Kultur ausgeschlossen
Sprache als Zugang zu gesellschaftlicher Kommunikation und Repräsentation
Sprache ermöglicht Zugang zu Bildung, Medien, Politik und Kulturinstitutionen
Gleichzeitig kann Mehrsprachigkeit kulturelle Ressourcen eröffnen (z.B. transnationale Zugehörigkeiten, Identitätsflexibilität)
-> Sprachkompetenzen sind als nicht nur funktional, sondern kulturell- symbolisch bedeutsam
Sprache als Aushandlungsfeld kultureller Integration
In Integrationsdebatten steht Sprache oft symbolisch für "Zugehörigkeit" oder "Andersheit"
Erhalt der Herkunftsspracche und der Erwerb der Mehrheitssprache spiegeln Aushandlungsprozesse kultureller Identität wider
-> Sprache ist ein Ort, an dem kulturelle Integration gelebt, verhandelt und auch politisch geregelt wird
Sprache ist ein zentrales Medium kultureller Teilhabe - sie vermittelt Zugehörigkeit, Werte und soziale Positionierung
Doppelte Sprach- und Kulturbezüge
Herkunftssprache: Trägerin von Identität, Emotion, Familienkultur und sozialem Kapital innerhalb der Community
-> schafft Kontinuität, Zugehörigkeit und emotionale Verankerung
Aufnahmeland- Sprache: Schlüssel zu Bildung, Arbeitsmarkt, politischer und kultureller Teilhabe
-> ermöglicht gesellschaftliche Partizipation und Anerkennung im öffentlich Raum
Sprachliche Integration/ Teilhabe bedeutet daher nicht "Entweder-oder", sondern ein Aushandlungsprozess zwischen Spracherhalt und Sprachverlagerung
Was ist identifikatorische Integration?
Sozialpsychologischer Prozess: Identifizierung mit der Aufnahmegesellschaft
Dimension der sozialen Identität und des Selbstkonzepts von Personen
Verknüpfung von "Ich" und einem "Identifikationsobjekt" (Nation, Gruppe, Gesellschaft)
Kennzeichen: Wir- Gefühl, emotionale Bindung, Loyalität/ Verantwortlichkeit
-> Identifikatorische Integration = das Zugehörigkeitsgefühl zur Aufnahmegesellschaft
Vier Integrationsdimensionen
Strukturell: Zugang zu Erwerb, Bildung, Wohnen etc.
Kulturell: Kompetenzen, v.a. Sprache
Sozial: soziale Beziehungen & Netzwerke
Identifikativ: Zugehörigkeitsgefühle, Loyalität, "Wir" (späteste Dimension im Prozess)
Bedingungen der Aufnahmegesellschaft
Offenheit gegenüber MigrantInnen
Identifizierungsangebote: Mitgliedschaftskonzepten, die Herkunft nicht ausschließen
Gleichberechtigung: bürgerlich, sozial, kulturell
Anerkennung statt Diskriminierung
-> Identifikatorische Integration ist kein einseitiger Prozess, sondern beruht auf Reziprozität
Symbolische Ethinizität
bezeichnet eine Form soz. Identifikation, bei der Individuen ihre ethnische Zugehörigkeit über bestimmte kulturelle Symbole, Rituale oder Praktiken ausdrücken, ohne dass diese dauerhaft ihren Alltag prägen
Kennzeichnen: Bewusste, oft situationsabhängige Wahl ethnischer Elemente, Ausdrucl durch Symbole, Kleidung, Namen, Musik oder Essen, Betonung von Zugehörigkeit, nicht von Herkunft oder Abstammung, Flexibel und anpassungsfähig an verschiedene soziale Kontexte
Abgrenzung ethnische und symbolische Ethnizität
Ethnische: Kontinuität, Vererbung, Herkunft
Symbolische: selektiver, performativer Ausdruck kultureller Zugehörigkeit
Äußerliche Grenzüberschreitung (Border Crossing)
Akzeptanz der Grenze; eigene migrantische Identität wird als Problem empfunden
Grenzaufweichung (Boundary Blurring)
Verständnis und dosierte Abweichung; das Problem ist die Kompliziertheit des Namens, nicht die Identität
Grenzumwertung (Border Transvaluation)
Ablehnung der sozialen Grenze; die Mehrheitsgesellschaft ist das Problem (Attribution von Rassismus und Respektlosigkeit)
Grenzirrelevanz und Eigengruppenorientierung
Kenntnis der Grenze, aber Irrelevanz für eigenes Handeln
Strukturelle Integration
Zentrale Dimension der sozialen Integration von Migranten
bezieht sich auf Teilnahme an ökonomischen Prozessen und Strukturen
ethnische Herkunft und Migrationsstatus irrelevant für öjonomische Position
Grundlage: Arbeit, Einkommen und gesellschaftliche Position
Eintritt in Erwerbstätigkeit -> ökonomische Teilhabe -> Statussicherung -> gesellschaftliche Gleichstellung
Soziale Integration/ Teilhabe
Herausbildung persönlicher Beziehungen zwischen Migranten und Einheimischen
Beziehungsformen: Freundschaften, Partnerschaften und Eheschließungen
weitere Kontakte: Nachbarschaften, Alltagskontakte und Mitgliedschaften in Vereinen
indiziert die Zugehörigkeit, Mitgliedschaft und Partizipation der zugewanderten Menschen in der Privatsphäre der neuen Gesellschaft
Wie kommt es zur sozialen Integration?
Aufnahme- bzw. herkunftslandspezifische Aktivitäten werden als Spezialfall einer Investition aufgefasst
Entscheidung für Investition hängt von drei Faktoren ab:
Investitionsmotivation (Nutzen): Differenz zwischen dem erwarteten Ertrag bei Erfolg und dem Ertrag des Status quo
Investitionsopportunitäten: Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs der Investition
Investitionskosten: Die Kosten, die mit der Investition verbunden sind
Opportunitäten (Wie kommt es zur sozialen Integration?)
Gelegenheitsstrukturen, strukturelle Bedingungen
Verteilungen geben an, wie viele Personen (mit bestimmten Merkmalen) sich auf dem Markt befinden
Beispiele:
Anwednungsfall: Gruppengröße, ethnische Segregation, soz. Distanzen, Diskriminierungaber auch: Geschlechter-, Bildungs-, Alters- oder Konfessionsverteilung ("Mädchen besuchen seltener als türkische Jungen Sozialräume außerhalb der Familie auf.")
Präferenzen (Wie kommt es zur sozialen Integration?)
Wahl eines Interaktionspartners mit bestimmten Merkmalen
Homophilieprinzip (beschreibt die Tendenz von Menschen, Freundschaften mit Personen zu schließen, die ihnen ähnlcih sind)
Gute Ausstattung mit Ressourcen (z.B. BIldung, Einkommen, Status, Presitge)
Kulturelle Ressourcen: Normen- und Wertvorstellungen
Kontakthypothese (Gordon Allport 1954)
Kontakt zwischen Gruppen kann Intergruppen- Integration fördern da Vorurteile abgebaut werden
Schlüsselbedingungen für erfolgreichen Kontakt
- Gleicher Status der Beteiligten (z.b. keine Lehrer- Schüler- Beziehung)
- Zusammenarbeit zwischen den Gruppen (Mitglieder sollen in einer nicht- wettbewerbsorientierten Umgebung zusammenarbeiten)
- Gemeinsame Ziele
- Unterstützung durch gesellschaftliche und isntitutionelle Instanzen
Kontakthypothese: Anwendung auf MigrantInnen
Interethnische Kontakte können Vorurteile abbauen und Integration fördern
Gemeinsame Aktivitäten und Ziele in Schulen oder Nachbarschaften können positive Kontakte ermöglichen
Definition Transnationalismus
Transnationalismus beschreibt soziale Praktiken, Bindungen und Netzwerke, die gleichzeitig über mehrere Länder hinweg bestehen
Zentrale Merkmale: Mehrortigkeit, Gleichzeitigkeit von Lebensbezügen, soziale Räume, die nicht an Nationalgrenzen gebunden sind, Austausch von Ressourcen, Unterstützung, Symbolen, Rollen
Warum relevant für Integration und Teilhabe?
- Integration ist traditionell nationalstaatlich gedacht
- Transnationale Lebensweisen fordern diese Modelle heraus
Kritik Transnationalismus
Oft Annahme, dass MigrantInnen automatisch transnational leben
Studie von Dahinden (2005) setzt genau da an
Ziel: Transnationalismus nicht voraussetzen, sondern empirisch prüfen, wo und wie transnationale Bindungen tatsächlich relevant sind
Key Information
Transnationalität ist kein Automatismus (selektiv, situativ und ungleich verteilt)
Netzwerke sind oft lokal - nicht transnational (Unterstützungstsrukturen basieren, v.a. auf lokalen Kontakten)
Transnationalität ist "umkämpft" (Geschlecht, Klasse, Ressourcen und Aufenthaltsstatus bestimmt, wer transnational handeln kann)
Integrationsofrschung muss beide Ebenen denken: lokale Teilhabe und transnationale Bindungen, ohne eines davon vorauszusetzen