B6 Suizidalität PFH20
Defintion, Ursachen, Risikofaktoren, pflegerische Massnahmen, Merkmale, Phasen, NGASR und Pöldinger Assessment,
Defintion, Ursachen, Risikofaktoren, pflegerische Massnahmen, Merkmale, Phasen, NGASR und Pöldinger Assessment,
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Lernkarten
Definitionen: Suizid - erweiterter Suizid - begleiterter Suizid - Suizidalität - Suizidgefahr
Suizid: vollzogene, absichtliche Selbsttötung. Erst ab ca. 10-12 Jahren möglich, da vorher das Konzept Tod gar nicht verstanden wird (> vorher: Unfall).
Synonym: sich das Leben nehmen / Selbstmord -> nicht verwenden, da negativ behaftet!
Erweiterter Suizid: z.B. Mann erschiesst zuerst die Frau, danach sich selbst.
Begleiteter Suizid: Selbsttötung nach reiflicher Überlegung i.d.R. mit Suizidihilfeorganisation (z.B. Exit)
Suizidalität: Zustand, in dem jemand sich mit der Möglichkeit sich das Leben zu nehmen beschäftigt.
Suizidgefahr: Risiko für eine Suizidhandlung (akut oder über einen bestimmten Lebensabschnitt beurteilt > „Basis-Risiko“)
Merke: Suizidalität ist keine Diagnose sondern ein Zustand!
Auf welche Suizid-Methoden müssen sie im Spital achten?
- Strangulation (Duschschlauch, Kabel, Vorhäng, Bettglocke, Gurt, Schuhbändel, Badetücher, Infusionsschläuche, Bettlacken etc.)
- Vergiftung durch Medikamente (Überwachung Medikamenteneinnahme- und Abgabe, Medikamentenschränke abschliessen, durch selbst mitgebrachte Medikamente - immer Zimmer / Taschen kontrollieren)
- Sprung aus grosser Höhe (Fenster abschliessen, ggf. Fenstergriff abschrauben, Zimmer nur in Begleitung verlassen)
- Pulsadern aufschneiden (Spitze Gegenstände entfernen, 1:1 Betreuung)
- Erstickung (Plastiksäcken entfernen, Kissen entfernen bzw. 1:1 Betreuung)
Nenne Motive für einen Suizid(-Versuch).
- Appell / Hilferuf
- Hoffnungslosigkeit (keinen anderen Ausweg mehr sehen)
- Todeswunsch (z.B. wenn man schon sehr schwer krank ist oder schlechte Prognose hat, Bilanzsuizid)
- Rache
- Wahn / Halluzination (Stimmen hören die einem dazu zwingen etc.)
- Opfer, für etwas sterben wollen (z.B. Attentäter)
- Werther-Effekt (Roman von Goethe, der Massensuizid ausgelöst hat)
- Flucht, Pause, Zäsur (z.B. wenn Personen das Karussell im Kopf nicht mehr aushalten und nur noch weg davon wollen)
- Manipulation (z.B. "ich töte mich, wenn du mich verlässt"
a) Nenne den Zusammenhang zwischen Krise und Suizidalität
b) und die drei Phasen der Suizidalität nach Pöldinger
a) Ein subjektiv nicht lösbares, auswegloses Problem führt zu einer Krise. Weil andere Lösungsstrategien fehlen, drängt sich der Suizid als letzte Rettung auf. Protektive Faktoren wie z.B. Unterstützung durch die Familie fehlen.
Input Frau Dr. Krebs: Suizidale Menschen wollen meist nicht sterben, sondern können so nicht mehr weiter leben.
b) Phasen der Suizidalität:
- Erwägung: Erwägung von Suizid und anderen Handlungsalternativen. Gute Distanzierungsfähigkeit. Verdeckte Hinweise.
- Abwägung: Pro und Contra werden abgewogen. Stadium der Ambivalenz (hin und her gerissen zwischen Leben wollen und Problemen entfliehen). Distanzierungsfähigkeit geht verloren. Massive Appelle, Hilferufe, Ankündigungen, evtl. Erpressungsversuche.
- Entschluss: Ruhe vor dem Sturm > fälschlicherweise oft als Verbesserung missdeutet, Suizidgedanken beherrrschen das gesamte Denken, Zeit und Durchführung werden geplant und vorbereitet, Kommunikation darüber ist eingestellt worden.
Nenne häufige Risikogruppen.
- Psychische Erkrankungen (Depressionen, Schizophrenie / Psychosen, Borderline Persönlichkeitsstörung und Angststörung)
- Suchtmittelmissbrauch (Alkohol, Drogen, Medikamente)
- Krisengruppe: Mobbing, Ausgrenzung, Leistungsdruck, Schmerzpatienten, Existenzängste, Verluste, zunehmende Hilfsbedürftigkeit etc.
- Sehr alte Menschen -> Bilanzsuizid
- Chronisch oder unheilbar Kranke
- Jugendliche, besonders während der Pubertät und während der Phase der Ablösung von zu Hause
- Flüchtlinge, rassisch oder religiös / politisch Verfolgte
- Menschen, die bereits einen Suizidversuch durchgemacht haben -> Muster bereits im Hirn abgespeichert, Hemmschwelle tiefer
- Familiäre Häufung
- Menschen ohne enge Beziehungen oder ohne soziales Netz / Einzelgänger
- Wenn Person bereits in Psychiatrie war und immer wieder hin und her geschoben wird
Nenne akute Risikofaktoren.
- Konkreter Suizidplan mit Vorbereitungshandlungen
- Ankündigungen
- Frühere Suizidversuche („Suizidprogramm“ im Hirn)
- Suizid im Umfeld (Suizidmodell)
- Aktuelle Intoxikation (Enthemmung, beeinträchtigte Urteilsfähigkeit)
- Mental Pain (unerträgliche psychische Qual)
- Dissoziation (z.B. bei Psychose, Person ist wie auf Autopilot, weiss gar nicht was sie macht, ist sehr impulsiv, und unruhig)
- Impulsivität und Unruhe
- Hoffnungslosigkeit
- Autoaggression/Selbsthass
- Aggressionsstau
- Schlafstörung
- Soziale Isolierung und Rückzug
- Aufgeben von Interessen und bisherigen Aktivitäten
- Selbsttötungs- und Katastrophenfantasien
- Verschenken von persönlichen Gegenständen
- Abschiedsbriefe
Assessment-Tools (NGASR, Fragenkatalog Pöldinger, 5-Säulen Petzold)
Tools ersetzen NIE das Gespräch mit dem Patienten!!
Vorteil: einheitliche Entscheidungsgrundlage (auch für Medikation), saubere Doku, vereinfachte interdisziplinäre Zusammarbeit (wenn es alle benutzen), Begründungsgrundlage für Visite, Wichtige Infos gehen nicht verloren, Hilft bei Planung (z.b. ob Sitzwache organisiert werden muss), man kann Verlauf nachvollziehen usw.
NGASR (Nurses Global Assessment of Suicide Risk):
Das NGASR ist ein Assessmentinstrument zur strukturierten Einschätzung eines Suizidrisikos. Macht bei jedem Eintritt in die Psychiatrie zur Einschätzung der Basissuizidalität, i.d.R. während den ersten 3 Tagen. Wird der Patient auffällig oder hat man das Gefühl, dass sich etwas geändert hat, füllt man die Skala nochmals aus.
Zu der objektiven Beurteilung ist auch eine subjektive Bewertung möglich.
Hauptgewichtungsfaktoren sind v.a.:
- Hoffnungslosigkeit
- Verlust Interesse und Freude (Hinweis Depression)
- Plan zur Suizidausführung
- Verlust nahestehender Person oder Bruch einer Beziehung
- frühere Suizidversuche
Auswertung der NGASR-Skala:
0-5 Punkte = geringes Risiko
6-8 Punkte = mäßiges Risiko
9-11 Punkte = hohes Risiko
12 und mehr Punkte = sehr hohes Risiko
Pöldinger Fragekatalog
Der Pöldinger Fragekatalog ist ein Tool für ein Fokusassessment um das Suizidrisiko einzuschätzen und ein Gesprächsleitfaden.
5-Säulen der Identität (Petzold)
Wenn eine oder mehrere der Säulen wegbrechen, dann steigt die Gefahr von Überforderung und Stress und eine Krise entsteht. Schlimmstenfalls löst es Suizid aus - je nachdem wie schwer die einzelen Säule vom Betroffenen gewichtet wird.
- Leiblichkeit (z.B. Erhalt einer schlimmen Diagnose)
- Soziales Beziehungsnetz (z.B. Scheidung von Ehefrau)
- Arbeit und Leistung (z.B. Verlust Arbeitsplatz)
- Materielle Sicherheit (z.B. starke Verschuldung, durch Verlust Arbeitsplatz kann Miete nicht mehr bezahlt werden etc.)
- Sinn und Werte (Was für den Betroffenen Sinn im Leben gibt, ihm wichtig ist -> z.B. Familie und Freunde, oder Arbeit)
Umgang mit suizidalen Menschen (pflegerische Massnahmen).
Do:
- Keine Wertung oder Verurteilung, respektvoller und offener Umgang
- Engmaschige Betreuung durch definierte Bezugspersonen
- Patient ernst nehmen und aktiv zuhören
- Selbstwert der Person stärken (jeden kleinen Fortschritt loben)
- Sicherheit und Hoffnung geben, für Person da sein und das auch klar kommunizieren, Präsenz zeigen, Verlässlichkeit zeigen!
- Gespräche führen über aktuelle Situation und Gefühle
- Zukunftsperspektiven geben, immer in kleinen Schritten und kurzfristig -> weiteres Vorgehen, Abmachungen treffen (du meldest dich sofort, wenn es nicht mehr geht oder du einen Zwang verspürst)
- Sicherheit gewährleisten:
- Medikamenteneinnahme überwachen
- Zugriff auf Medis verhindern
- Pat. Im Blick behalten
- Scharfe oder spitze Gegenstände beseitigen
- Fenster in oberen Etagen schliessen / ggf. Fenstergriff abmontieren
- Team und Arzt informieren
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit (Psychologe!)
- Gute und klare Dokumentation
- Regelmässige Risikoeinschätzung anhand Gespräche und NGASR Skala
- Sitzwache
- 1:1 Betreuung
- Ressourcen vom Patient und Angehörigen miteinbeziehen
Don'ts:
- Nicht darüber sprechen
- Suizidäusserungen nicht ernst nehmen
- Vorschnell Aktivitäten planen - es ist wichtig, dass sich Person damit befassen kann wegen der Verarbeitung
- Keine Ursachen suchen -> das Fragen nach dem "Warum" löst beim Betroffenen meist eine weiter Krise aus, da zusätzlich zu den bereits vorhandenen Gefühlen noch Gefühle von früheren Erlebnissen hochkommen
- Keine tröstenden Worte oder Floskeln verwenden
- Belehren oder Beurteilen ("sie hätten schon viel früher Hife holen sollen!" "ja da haben sie auch wirklich viel falsch gemacht")
- Ratschläge geben ("suchen sie sich doch einfach einen neuen Arbeitsplatz")
- Keinen Zwang -> sprechen kann man nur mit jemandem der dazu bereit ist
- Nicht an Asprachen halten und unzuverlässig sein
- Vorurteile haben und nicht zuhören
- Alleine lassen
- Analysieren, Ursachen suchen
BELLA Konzept im Bezug auf Suizidalität
BELLA = Kriseninterventionskonzept
Beziehung aufbauen
- Betroffener kommunikationsfähig?
- Zusammenarbeit möglich?
- den Betroffenen so nehmen wie er ist
- ihm anzeigen, dass ich mit ihm sprechen möchte
Erfassen des Zustandes des Betroffenen
- Was ist die subjektiven NOT?
- Wie ist der psychische Zustand?
- Angestaute Affekte (Angst, Wut, Schuldgefühle)
- Suizidgedanken, -wünsche und -vorstellungen
Linderung von Symptomen
- Was soll passieren?
- Was hilft HIER und JETZT? An Eisbrecher (Spaziergang, Getränk oder Zigi anbieten etc.) denken!
Leute einbeziehen, die helfen
- Angehörige und ggfs. andere Hilfsysteme aktivieren
- Frühere und neue Lösungsstrategien
Ansatz zur Problembewältigung
- Hilfsplan erstellen: WAS WER WANN WOMIT
Zusammenfassung
- Intervention hilfreich?
- Intervention akzeptabel?
- Zustimmung einholen, auf Mimik/Gestik achten.
Beendigung
Voraussetzungen und Kompetenzen für Pflegefachperson
- Resilienz
- Empathie
- Kompetenz im Bereich Suizidalität
- Optimistische Grundeinstellung
- Toleranz
- Wertfreie Begegnung
- Ruhige Art
- Eigene Grenzen und Ängste kennen
- Sehr gutes Nähe / Distanz Gefühl, bei sich bleiben, nicht um den Finger wickeln oder in eine Ecke drängen lassen
Nenne mögliche Risikofaktoren für einen Suizid in einer Einrichtung.
- Aufnahmesituation
- Medikamenteneinstellung/Medikamentenumstellung
- Verlegung, Therapeutenwechsel, Urlaub von Bezugspersonen
- Konflikte mit Mitpatienten oder Personal
- Mangelnde Fortschritte oder Rückfälle in der Behandlung
- Mangelnde Kontakte zu Angehörigen oder Freunden
- Angst vor Entlassung
Was ist das Ziel einer Intervention bei Suizidalität?
- Entlastung (Situation entschärfen, Erzählen lassen und verstehen versuchen, Dampf ablassen)
- Klarheit schaffen (für sich und betroffene, was ist überhaupt los? )
- Massnahmen treffen (weitere Hilfe organisieren, BELLA -> Krisenintervention)
Welche Intervention wirkt wann?
Akute Krise:
- Beziehung aufbauen, Gefühl geben nicht alleine zu sein (-> Oxytocin Ausschüttung = Entspannung)
- Ressourcen (was hilft HIER und JETZT?)
wenn erste Krise gelindert wurde:
- Verstehen (Klärung)
- Problemlösen (Bewältigung)
Nenne den Unterschied zwischen Basissuizidalität, erhöhte-, akute-, oder latente Suizidalität
Basissuizidalität:
- Patienten im stationären Bereich mit erfragter oder erfahrener Suizidalität
- Patienten mit mehreren Risikofaktoren und Zugehörigkeit zu einer oder mehreren Risikogruppen
Erhöhte Suizidalität:
- Hoffnungslosigkeit
- krisenhafte Entwicklungen
- zunehmender Handlungsdruck
- Symptome des präsuizidalen Syndroms (eigene Situation aussichtslos, die einzige Lösung wird im Suizid gesehen)
Akute Suizidalität:
- Akuter Handlungsdruck - man möchte sich das Leben nehmen
Latente Suizidalität:
- eine lebensverneinende und hoffnungslose Grundeinstellung, die sich über Jahre entwickeln und verfestigen kann.
- häufig auftretende Suizidideen, Suizidimpulse und suizidale Handlungen.
- Kann mehr oder weniger ausgeprägt über Jahre oder Jahrzehnte vorhanden sein.
Wann wird eine Klinikeinweisung notwendig?
- Erhebliche Selbstgefährdung (nach Krisenintervention unverändert)
- Erhebliche Fremdgefährdung (erweiterte Suiziddrohung)
- Nach Suizidversuch (medizinische Abklärung)
- Wenn kein Gesprächskontakt herstellbar (gereizt, aggressiv)
- Kein ausreichendes ambulantes Angebot vorhanden
- Soziales Umfeld überfordert / Herausnahme aus dem Krisenfeld
Was sind die Voraussetzungen für eine fürsorgliche Unterbringung (FU)?
Erfordernisse im Voraus:
- Persönliche Untersuchung
- Psychiatrische Erkrankung
- Rechtsmittelbelehrung
Voraussetzungen gemäss ZGB:
- Person leidet an einer psychischen Störung oder
- Person ist geistig behindert oder
- Person ist schwer verwahrlost
- Person benötigt wegen einer der oben genannten
- Gründe Behandlung oder Betreuung
- Keine weniger weit gehende Massnahme als FU bietet genügenden Schutz (ultima ratio)
- Es steht eine geeignete Einrichtung zur Verfügung (Person stimmt Unterbringung nicht zu)