Informationsethik

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Informationsethik


R. S.
Diese Lernkarten behandeln die ethischen Aspekte der Informationsgesellschaft und deren Auswirkungen auf die menschliche Freiheit und Gesellschaft. Sie beleuchten historische Entwicklungen, technologische Transformationen und die Rolle von Unternehmen in der digitalen Ära. Besonders relevant sind Themen wie die Revolution in Ägypten, die Auswirkungen von sozialen Medien auf politisches Engagement und die ethischen Herausforderungen der digitalen Transformation. Die Karteikarten richten sich an Studierende und Fachleute, die sich mit den komplexen Wechselwirkungen zwischen Technologie, Ökonomie und Ökologie auseinandersetzen möchten, um fundierte Entscheidungen in einer sich ständig verändernden Welt zu treffen.
Flashcards
107
Students
0
Language
German
Category
Marketing
Level
University
Created / Updated
27.10.2021 / 28.10.2021

Flashcards

Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie - die Existenzbedingung im 21. Jahrhundert (Teil 21)

Dieser Energiemix, der die enorme Abhängigkeit von fossilen Energieträgern anzeigt, übersetzt sich nun in den Ausstoß von CO2-Emissio-nen, die verursacht werden.

Es zeigt sich auf der Zeitachse, wie sehr die I. Industrielle Revolution noch nahezu ausschließlich auf der Nutzung von Kohle basierte, während im weiteren Verlauf der II. Industriellen Revolution die Nutzung von Erdöl kontinuierlich ausgeweitet wurde.
Worin liegt also die zentrale Verantwortung im Rahmen der digitalen Transformation im Hinblick auf eine mittelfristige Perspektive? Der Weltklimarat, kurz IPCC, hat diesbezüglich konkrete Berechnungen erwirkt, die Orientierung liefern. IPCC steht als Akronym für die Bezeichnung Intergovernmental Panel on Climate Change.

Zur Erinnerung:
Der Weltklimarat bildet eine zwischenstaatliche Organisation, die unter dem Dach der Vereinten Nationen agiert. Der Auftrag, dem die Organisation nachzukommen hat, besteht darin, für politische EntscheidungsträgerInnen den wissenschaftlichen Stand der Forschung bezüglich der Erkenntnisse des Klimawandels konzis zusammenzufassen. Im Jahr 2007 wurde dem Weltklimarat in Anerkennung seiner Bemühungen der Friedensnobelpreis verliehen.

Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie - die Existenzbedingung im 21. Jahrhundert (Teil 22)

Die Berichte des Weltklimarats unterscheiden zwei Strategien, die jeweils andere Ansätze darstellen, aber erst in der Kombination eine angemessene Reaktion erlau-ben.
Die zwei strategischen Ansätze, die helfen sollen, mit dem Klimawandel umzugehen, werden mit den Schlagworten Vermeidung und Anpassung bezeichnet.

Vermeidung (englisch: mitigation)
meint in diesem Zusammenhang alle effektiven Maßnahmen, die getroffen werden, um die Situation nicht weiter zu verschlimmern. Es handelt sich also um die notwendige Wende in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern, um die Klimaänderung zu begrenzen.

Anpassung (englisch: adaption)
bezeichnet alle konstruktiven Maßnahmen, die gesetzt werden, um auf unvermeidbare und eintretende Folgen des Klimawandels möglichst angemessen zu reagieren.

Die Kosten für diese Maßnahmen lassen sich den Kosten gegenüberstellen, die ein ungebremster Klimawandel verursachen würde. Eine Studie, die ursprünglich von der britischen Regierung in Auftrag gegebenen wurde und im Jahr 2006 unter Federführung des ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, Nicholas Stern, veröffentlicht wurde, beziffert den Gesamtaufwand, den der ungebremste Klimawandel verursachen würde im Extremfall auf 20 % des globalen Bruttoinlandsprodukts. Die Kosten der notwendigen Maßnahmen, um die CO2 Emissionen zu begrenzen, werden mit rund 2 % des globalen Bruttoinlandsprodukts veranschlagt.

Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie - die Existenzbedingung im 21. Jahrhundert (Teil 23)

Konsequenzen des Klimawandels

  • Ausdehnung von Wüsten
  • Unbewohnbarkeit mancher Landstriche
  • Zunahme von Dürreperioden
  • Veränderung von Jahreszyklen
  • unbekannte Auswirkungen auf die Landwirtschaft, Ernteausfälle,
  • Zunahmen von schlagartigen Regenfällen und Überschwemmungen
  • Überflutung von Küstengebieten
  • Gesundheitsrisiken durch Hitzeperioden
  • Zunahmen von Wetterextremen
  • ökonomische Unsicherheiten
  • Zunahme von Versicherungsschäden und ihre Auswirkungen auf volatile Finanzmärkte

In Anbetracht der fortgeschrittenen Situation bedarf es beider Maßnahmenpakete, also Mitigation und Adaption, um mit den fatalsten Folgen der Klimakrise umzugehen. Die digitale Transformation, sofern intelligent angewandt, könnte für beide Weichenstellungen entscheidende Beiträge liefern.
Die Schritte, die in der Anpassung gesetzt werden, bedürfen belastbarer Modelle, die klimatische Entwicklungen prognostizieren. Bessere Rechenleistungen, umfassendere Rechenmodelle, Datenaustausch zwischen privaten und öffentlichen Organisationen liefern in diesem Zusammenhang sehr konkrete Beiträge.

Im Hinblick auf die Vermeidung verlangt es eine durchdachte Perspektive, die objektive Notwendigkeiten mit den vorhandenen Möglichkeiten in Abgleich zu bringen versteht. Der zeitlichen Rahmen, der dabei zur Verfügung steht, wird durch den IPCC Report klar abgegrenzt, der im Jahr 2018 veröffentlicht wurde. Wird der vertraglichen Verpflichtung des Pariser Abkommens Folge geleistet und das Ziel anerkannt, dass die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad beschränkt wird, dann müsste spätestens im Jahr 2050 der menschverursachte CO2 Ausstoß nahezu auf Null reduziert sein. Das ist der Zeithorizont, den es anzuerkennen gilt, um die Prinzipien der Vermeidung effektvoll zu verfolgen. Das 1,5 Grad Ziel würde auch die Schritte hinsichtlich Anpassung innerhalb eines bewältigbaren, weil planbaren Rahmens halten.

Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie - die Existenzbedingung im 21. Jahrhundert (Teil 24)

Wie lässt sich aber nun der Zielvorgabe entsprechen? Die akute Schwierigkeit besteht erfahrungsgemäß darin, Wirtschaftswachstum vom Treibhausgasausstoß zu entkoppeln. Der Weltgemeinschaft ist es in den letzten Jahrzehnten nur im Zuge der letzten globalen Rezession gelungen, den globalen Treibhausgasausstoß gegenüber den Vorjahren zu reduzieren. Die Lösung kann jedoch nicht darin bestehen, absichtlich die Weltwirtschaft in die Rezession schlittern zu lassen, um die Ansprüche von Ökonomie und Ökologie miteinander zu harmonisieren.
Stattdessen bedarf es einer effektiven Kooperation zwischen staatlichen Akteuren, agilen Märkten, veränderungswilligen Gesellschaften, einer kritischen Öffentlichkeit und demokratischen Machtverschiebungen. Es bedarf neuer Investitionen, die sich auch dadurch finanzieren lassen, dass Kapital aus den überbewerteten fossilen Energiemärkten abzieht.

71 % aller menschverursachten Emissionen seit dem Jahr 1988 lassen sich faktisch auf die Geschäftspraktiken und Geschäftsmodelle von 100 Unternehmen zurückverfolgen. Die Geschäftspraktiken von 100 Unternehmen wären also für 71 % der menschverursachten CO2 Emissionen sei 1988 bis zum Jahr 2017 verantwortlich.
Es zeigt, wie sehr ein grundlegender Umbruch stattfinden muss. Die nachfolgende Grafik zeigt dabei die 15 größten Verschmutzer und dokumentiert den relativen Wert, wieviel die jeweilige Geschäftspraxis zu den anthropogenen CO2 Emissionen beigetragen hat. Als Bezugswert gilt der Zeitraum zwischen 1988 und 2017. Würde sich das in den Unternehmen gebundene Kapital weiterhin als Profit ungebremst realisieren und das Geschäftsmodell dieser Unternehmen fortbestehen, dann wären die wahren Kosten die absehbare Zerstörung des natürlichen Lebensraums.

[Abbildung: Unternehmen, deren Produkte verantwortlich sind für die Mehrheit des vom Menschen verursachten CO2 Ausstoßes]

Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie - die Existenzbedingung im 21. Jahrhundert (Teil 25)

Um also den notwendigen Wandel zu realisieren, setzt es perspektivisches Denken voraus. Die nachhaltige Kurskorrektur kann dann gelingen, wenn einerseits die Möglichkeiten technologischen Fortschritts ausgeschöpft werden und andererseits der Zeithorizont bis zur Mitte des Jahrhunderts durch Etappenziele gruppiert wird. Die vereinbarten Meilensteine lassen sich entsprechend den einzelnen Jahrzehnten setzen, um die Epoche bis zur Mitte des Jahrhunderts in konkrete Zeitabschnitte mit entsprechenden Arbeitsprogrammen zu teilen. Mit jedem Jahrzehnt, beginnend mit dem Jahr 2021, müsste die globalen Treibhausgasemission um die Hälfte redu-ziert werden. Einen solchen Plan hat eine Gruppe international hoch aner-kannter Wissenschaftler bereits im Jahr 2017 im renommierten Magazin Science veröffentlicht.20 Die Grundannahme ist dabei, dass die Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens in Emissionsbudgets von 600 Milliarden Tonnen CO2 (600 Gigatonnen) übertragen werden. Bei dieser Kalkulation gilt es zu bedenken, dass jenes CO2, das durch menschliches Handeln bereits in der Atmosphäre abgelagert wurde, dort weiterhin verweilt. Es stellt sich also die kritische Frage, welches vorhandene Budget ausgeschöpft werden kann, das die Atmosphäre noch zur Verfügung stellen würde, wenn dem 1,5 Grad Ziel bis zum Ende des Jahrhunderts entsprochen werden soll.
 

Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie - die Existenzbedingung im 21. Jahrhundert (Teil 26)

Hans Schellnhuber, Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und Stefan Rahmstorf, Abteilungsleiter für Erdsystemanalyse am selben Institut, haben diese Ansätze in einem anderen Buch weiter zusammengefasst.

Das Jahrzehnt zwischen 2021 und 2030 bezeichnen sie als als Zeitraum der „heroischen Anstrengung“. Es ist die entscheidende Dekade. Von einem Höhepunkt im Jahr 2020 ausgehend, wenn 40 Gigatonnen menschverursachtes CO2 jährlich ausgestoßen werden, wird bis zum Jahr 2030 dieses Ausmaß auf 20 Gigatonnen halbiert. Dazu braucht es neben der Wiederaufforstung von Regionen, auch die Transformation der industriellen Landwirtschaft und den wirksamen Stopp massiver Abholzungen, um gravierende Einschnitte zu schaffen. „Rodung von Wäldern und Umwandlung von Grünland in Ackerland, der Ausstoß der Klimakiller Lachgas (N2O, 300-facher CO2- Effekt) aus Mineraldüngung sowie Methan (CH4, 20-facher CO2-Effekt) durch Wiederkäuer und Nassreisanbau“ – denn durch all diese Effekte trägt die konventionelle Landwirtschaft verantwortlich zum Klimawandel bei.

Bis 2030 müssen […] auf alle Fälle die Kohleverstromung weltweit beendet und der Verbrennungsmotor auf allen Straßen ausgemustert sein. Gleichzeitig müssen aber auch die Grundlagen für strategische Innovationen im darauffolgenden Jahrzehnt geschaffen werden, etwa Materialien und Techniken für das klimaneutrale Bauen von Städten und Infrastruktur. Das heißt, dass in dieser Phase endgültig alle F&E Investitionen von fossilnuklearen Unternehmungen abzuziehen und in nachhaltige Wertschöpfungen umzulenken sind.

Auf Grundlage dieses Ansatzes müsste dann in der Dekade zwischen 2031 und 2040 fortgesetzt werden, die anthropogenen Treibhausgasemissionen müssen sich bis zum Jahr 2040 auf 10 Gigatonnen reduzieren. Die Ära wird als „Durchbruchphase“ tituliert. Andere Materialien wie Lehm und Holz werden den Hoch- und Tiefbau dominieren. Privathaushalte haben sich zu energetischen Selbstversorgern gewandelt. Additive Fertigungsverfahren (also der 3D-Druck) lassen klimaneutral produzieren.

Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie - die Existenzbedingung im 21. Jahrhundert (Teil 27)

Das IoT liefert die neuartige Infrastruktur, auf der sowohl Mobilität geschieht, was aber auch die Herstellung von Gütern betrifft. Es werden also nicht nur die Fertigungsverfahren verändert, sondern auch die genutzten Materialien erneuern sich. Die Zusammenarbeit zwischen Menschen wird sich weiter automatisieren bzw. durch virtuelle Meetings und verteiltes Arbeiten bestimmt sein. Die Landwirtschaft wird zunehmend ökologischer, die produzierten Lebensmittel hochwertiger. Was also stattfinden wird, wäre ein nachhaltiger Umbruch der industriellen Gesellschaft, die anderen Leitprinzipien folgen würde.

Ab dem Jahr 2040 wird dann entscheidend nachgebessert. Es folgt die Periode der „Vertiefungsdekade“. Unerwünschte Entwicklungen werden adaptiert, aber vor allem entsteht im Umfeld der markanten Transformation ein neuer Innovationsgeist, getrieben von neuen technologischen Möglichkeiten, günstigen Energiekosten und anderen Verfahren. Es entwickeln sich Chancen, Möglichkeiten und Gestaltungsperspektiven als Konsequenz dieses industriellen Aufbruchs, der auch die digitale Transformation von Gesellschaften und Märkten permanent voranbringt.

Das Wesen der digitalen Transformation besteht darin, der IV. Industriellen Revolution Gestalt zu geben. Neue Funktionslogiken greifen in Produktion und Handel, Märkte operieren mit neuen Strukturen, ausgediente Technologien und Organisationsformen werden durch agilere und adaptivere Systeme ersetzt. Doch diese IV. Industrielle Revolution findet ihre zweckvolle Bestimmung darin, wenn sie es vermag, die schädlichen Folgewirkungen der industriellen Revolution einzudämmen und diesbezüglich eine Kurskorrektur vornehmen.

Die IV. Industrielle Revolution repräsentiert eine radikalen Neuansatz, sie verändert die immanente Konsequenz.
Die digitale Transformation bildet nun die Erwartungshaltung, die existierenden Systematiken auch in diesem Zusammenhang zu verändern. Der Wandel, der benötigt wird, besteht nur in einem progressiven und fortschrittlichen Neuansatz, wie sich die Ansprüche von Ökologie und Ökonomie im 21. Jahrhundert anders denken und innovativ aufsetzen lassen. Neben dem unternehmerischen Wirken braucht es aber auch klare rechtliche Rahmenbedingungen, die Orientierung darüber geben, wohin die Entwicklung steuern soll.

Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie - die Existenzbedingung im 21. Jahrhundert (Teil 28)

Die Vorstellung, dass sich die Welt schlicht zurückdrehen ließe, um den dringlichen Problemen zu begegnen, bildet aller Wahrscheinlichkeit nach eine fatale Illusion. Vielmehr besteht die zentrale Verantwortung darin, von Kreativität, Erfindungsreichtum, bewährten Mitteln, Gerechtigkeitssinn und Neuansätzen mutig Gebrauch zu machen, um die Trendwende aktiv zu ge-stalten.

Der Klimawandel repräsentiert die zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Nichts Vergleichbares wird dieses Jahrhundert so sehr bestimmen und die eigentliche Verantwortung für den Menschen begründen. Die digitale Transformation erfasst entsprechend den wesentlichen Umbruch dieses 21. Jahrhunderts. Insofern verlangt es nach einem Mittel-Zweck Verhältnis. Die digitale Transformation wäre jenes Mittel, das zum Zweck der Eindämmung des Klimawandels effektiv genutzt werden muss.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 1)

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – kurz OECD – hält in einem Bericht, der bereits im Jahr 2011 veröffentlicht wurde, folgende Erkenntnis fest: „Die ungleiche Verteilung des Wachstums von Arbeits- und Kapitaleinkommen, die mit dem Rückgang des Arbeitsanteils einherging, deutet darauf hin, dass diese Trends den sozialen Zusammenhalt gefährden könnten.“

Die Einkommenszuwächse in Form von Lohneinkommen fielen in den letzten Jahren hinter die Einkommenszuwächse durch Kapitalerträge zurück.
Die Internationale Arbeitsorganisation hat in einer Studie 2017 festgestellt, dass in 91 von 133 Ländern der Anteil der Lohnquote in den letzten Jahren vergleichsweise gesunken ist.

Abbildung 10: Entwicklung der Lohnquote in den OCED Ländern (hier bezeichnet als Advanced economies)

Die Lohnquote ist jene volkswirtschaftliche Kennzahl, die darlegt, welchen Anteil die Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen ausmachen. Das Volkseinkommen bemisst hingegen alle errechneten Erwerbs- und Vermögenseinkommen, die von StaatsbürgerInnen im In- und Ausland erworben werden. Je geringer also der Anteil am Volkseinkommen durch Erwerbsarbeit, desto höher die Erträge durch andere Einkünfte wie Vermögens- oder Unternehmenseinkommen.

Die renommierte britische Zeitschrift Economist berechnet, dass der Rückgang der Einkommensquote zu einer nachweislichen Verlagerung von Vermögenswerten führte. Seit dem Jahr 1975 sind über den Bemessungszeitraum bis ins Jahr 2018 durchschnittlich zwei Billionen Dollar pro Jahr in den vermögenden Ländern aufgrund der unterschiedlichen Dynamiken zwischen Lohneinkommen und Kapitaleinkommen als gewachsenes Kapitaleinkommen zu verbuchen.

 

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 2)

Auch diese soziale Entwicklung reflektiert teils einen technologischen Hintergrund. Der Einsatz von Maschinen und moderner Technologie hilft, die Lohnkosten zu senken und sukzessive mehr Tätigkeiten in Produktionsprozessen automatisiert zu bewerkstelligen.

Die Grundlagen der Wertschöpfung verschieben sich: Die Boston Consulting Group analysiert für die Situation in den Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 2015, dass eine Arbeitsstunde menschlicher Arbeitskraft durchschnittlich Aufwände von $ 28 verursacht. Hingegen, wenn ein Roboter die gleiche Arbeitsleistung vollbringt, der Gesamtaufwand samt aller Abschreibungen, Anschaffungs- und Betriebskosten mit rund $ 8 zu Buche schlägt.

Die Tendenz für die Gesamtkostenrechnung der Roboter gibt sich fallend, die Lohnkosten steigen hingegen kontinuierlich. Neben der Erhöhung der Produktivität, die mit dem Einsatz von Maschinen einhergeht, zeigen sich auch die laufenden Kosten im Vergleich als günstiger.
Wenn jedoch diese Differenz kontinuierlich an Größe gewinnt, dann stellt sich die Frage, ob die konventionellen Formen der Redistribution von volkswirtschaftlicher Wertschöpfung noch effektiv operieren. Bisher wurden durch die jährliche Erhöhung des Lohnniveaus die ArbeitnehmerInnen an den Produktivitätsgewinnen beteiligt. Ob dieser institutionalisierte Mechanismus auch dann noch greift, wenn die Disparitäten zwischen Kapital und Arbeit sich weiterhin beschleunigen, erscheint offen.

Die Debatte rund um die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens wäre auch exakt vor diesem Hintergrund zu verstehen. Die Diskussion stellt die Frage, wie faktisch mit anwachsender Wertschöpfung und Produktivitätssteigerung umgegangen werden kann, die kontinuierlich weniger menschliche Arbeitskraft bedarf. Wie lassen sich die Ergebnisse der Produktivitätsfortschritte distributiv verteilen und andere Ansätze hinsichtlich der gesamtgesellschaftlichen Arbeitstätigkeiten denken? Ein solcher gesellschaftlicher Schritt, wie es die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens darstellt, hätte gerade auch für den Bereich der Mitarbeiterführung massive Konsequenzen.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 3)

Generell wird die volkswirtschaftliche Wertschöpfung als eine Funktion des Einsatzes der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital verstanden. Adam Smith, einer der ersten Theoretiker, der über die Funktionsweise der Märkte nachdachte, hat diesbezüglich im 18. Jahrhundert Leitprinzipien formuliert, die noch immer Relevanz zeigen.

Der Wirkzusammenhang aus Kapital und Arbeit, den Adam Smith skizziert, wirkt noch immer wie ein praktischer Imperativ für erfolgreiches Management. Seine Ausführungen:
Jeder Kapitalbesitzer, der viele Arbeiter beschäftigt, ist ganz zwangsläufig aus eigenem Interesse bestrebt, die anfallende Arbeit so sinnvoll aufzuteilen und zu organisieren, daß die Arbeiter in die Lager versetzt werden, das Größtmögliche zu leisten. Darum ist er auch bemüht, sie mit den denkbar besten Werkzeugen und Maschinen auszustatten. Was im kleinen für die Arbeiter in einer einzelnen Werkstatt gilt, das trifft auch im großen und ganzen für ein ganzes Land zu. […] Da nun mehr Köpfe darüber nachdenken, welche Maschine und Werkzeuge für jeden Arbeitsplatz am besten geeignet sind, ist die Aussicht weit größer, daß diese auch erfunden werden.

Damit der Wohlstand einer Volkswirtschaft steigt, braucht es folglich die möglichst effektive Verwendung von materiellen und immateriellen Mitteln und Dienstleistungen, um effektive Wertschöpfung zu generieren. Dabei wirken also die Faktoren von menschlicher Arbeitskraft und investiertem Kapital zusammen, das beispielsweise die Anschaffung neuer Geräte und Maschinen finanziert.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 4)

Diese Faktoren ließen sich jetzt fallweise intensivieren oder ihr Wert erhöhen. Beispielsweise lässt sich der Faktor Arbeit durch die Investition in Fortbildung intensivieren und der Faktor Kapital steigern, indem neue Geräte angeschafft werden.

Wird ein Faktor gestärkt oder angehoben, dann folgt die logische Konsequenz, dass die Gesamtwertschöpfung steigt. In eine mathematische Formel gewandelt, würde sich die Wertschöpfung, wie folgt abbilden lassen:
Y = F(A, K)

Y bezeichnet in diesem Fall das Bruttoinlandsprodukt, also jene ökonomische Kennziffer, die den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen misst, die eine Volkswirtschaft faktisch produziert hat.
Dieser Wert bildet eine Funktion der Faktoren Arbeit (A) und Kapital (K). Je nach Höhe des Inputs der beiden Faktoren sinkt oder steigt das Bruttoinlandsprodukt.

Adam Smith zählt auch den Boden als Produktionsfaktor.Folglich ist Wertschöpfung nichts anderes als der zielgerichtete und zweckmäßige Einsatz von Arbeit und Kapital.
Es dauerte faktisch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, dass dieses Modell noch um einen weiteren, entscheidenden Faktor ergänzt wurde. Der Ökonom Robert Solow, im Jahr 1987 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet, erkennt, dass dieses jahrhundertealte Erklärungsmodell ergänzungsbedürftig sei. Er führt einen dritten Faktor ein, der neben Arbeit und Kapital über das Ausmaß der Wertschöpfung mitentscheidet: Den wachsenden Entwicklungsstand der Technologie. Ein Anstieg der Produktion wird folglich nicht nur durch intensivierte Arbeit und erhöhte Kapitalbildung erwirkt, sondern auch durch den Fortschritt der Technologie begründet.

Input-Faktoren für Wertschöpfung nach Solow:

  • Kapital,
  • Arbeit,
  • dem Entwicklungsstand der genutzten Technologie.

Die Funktion der Wertschöpfung würde sich also folgendermaßen definieren:
Y = F(A, K, T)

Für die Berechnung der Leistungskraft einer Volkswirtschaft wurde entsprechend die Kennzahl der Totalen Faktorenproduktivität entwickelt. Sie lässt das Ausmaß an Produktivität erfassen, das eine Volkswirtschaft erwirkt, ohne den Einsatz der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit zu steigern. Die Kennzahl ließe sich folglich als Stand des technologischen Fortschritts reflektieren.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 5)

Wertschöpfung geschieht also nicht nur, indem Arbeit und Kapital investiert werden, sondern es ist auch entscheidend, auf welchem technologischen Stand sich eine Volkswirtschaft bewegt. Es lässt sich noch so viel in Arbeit und Kapital investieren, wenn der technologische Fortschritt nicht effektiv genutzt wird, dann verschleißen sich die Mühen und die Produktivität fällt hinter ihr denkbares Potenzial zurück.
Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Arbeit und Kapital als Ressourcen oft eng begrenzt sind. Wenn also die FunktionsträgerInnen in Organisationen verstanden werden sollen, die für die digitale Transformation verantwortlich zeichnen, dann braucht es ein manifestes Bewusstsein: Sie sind diejenigen, die sich um die Hebung des dritten – oft vergessenen, aber immer entscheidenden – Produktionsfaktors kümmern. Sie besorgen die Nutzung der totalen Faktorenproduktivität. Ihre Aufgabe liegt in der Intensivierung dieses Faktors.

Der Wirtschaftswissenschaftler Jeremy Rifkin erklärt, dass sich gegenwärtig nicht die vierte Entwicklungsstufe der industriellen Revolution abzeichnen würde, sondern sich das Zeitalter der III. Industriellen Revolution ausmachen lässt.

Wie begründet Jeremy Rifkin diese Einschätzung? Er definiert nicht nur die Mechanik der genutzten Produktionsverfahren als Definitionsmerkmal der Entwicklungsschritte der industriellen Revolution. Stattdessen müssen gemäß seinem Verständnis unterschiedliche Komponenten zusammengeführt werden, um die eigentlichen Bedeutungsverschiebungen zu verstehen, die sich im Rahmen der industriellen Revolution entfalten.

Jeremy Rifkin erklärt, dass bei den anfänglichen durch die industrielle Produktion freigesetzten Mechanismen, mehrere Aspekte schlagend wurden: Durch Innovationen verändern sich die Raum-Zeit-Wahrnehmungen. Größere Distanzen als bisher werden plötzlich überbrückt, damit lassen sich in Folge größere soziale Einheiten in einen gesellschaftlichen Verband integrieren. Der Einsatz von Innovation beschleunigt außerdem die Verbreitung von Information, wissensbasierte Prozesse verändern sich. Sowohl die Strukturen der gesellschaftlichen Integration als auch die politischen Ent-scheidungsmechanismen werden erweitert und transformiert.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 6)

Die I. Industrielle Revolution zeigt, wie durch den Einsatz von neuen Technologien faktisch unterschiedliche Veränderungspotenziale entstehen. Denn die Dampfmaschine revolutionierte nicht nur die angewandten Verfahren der Herstellungsweisen in der Industrie. Sie beschleunigte auch die Produktion von Druckerzeugnissen. Beschleunigte Druckverfahren führten dazu, dass Drucksachen billiger und schneller vervielfältigt werden konnten. Das moderne Zeitungswesen entstand. Informationen zirkulierten also schneller im größeren Rahmen als bisher der Fall. Diese Entwicklung wurde dann nochmals durch den Aufbau eines Telegraphensystems intensiviert.

Dampfbetriebene Druckverfahren und die Ausbreitung des Telegraphensystems gingen mit der Nutzung einer neuen Energiequelle einher. Kohle wurde als Energieträger entdeckt und in unterschiedlichen Zusammenhängen instrumentalisiert. Auch um den Abbau von Kohle voranzubringen, wurde an der Weiterentwicklung der Dampfmaschine gewirkt. Waren dann erstmal diese technischen Verfahren in Verbindung mit der Dampfmaschine perfektioniert, verstehen es innovative Geister, die neuen technologischen Lösungen auch für andere Nutzbereiche anzuwenden.

Die Dampfmaschine wird in Folge beispielsweise zur Grundlage einer neuen Form der Mobilität, sie wird zum Betrieb von Zügen eingesetzt, sie wird auf Schiene gebracht. Transport und Logistik verändern sich in Folge, auch sie bekommen neue operative Grundlagen verpasst.

Nach Auffassung von Jeremy Rifkin hat die Erste Industrielle Revolution gleich wie die nachfolgenden beiden industriellen Revolutionen drei Fundamente, die ihr jeweils eigen waren. Alle Entwicklungsstufen der industriellen Revolution zeigen Besonderheiten und entscheidende Definitionsmerkmale in dreifacher Hinsicht.
• Eine maßgebliche Energiequelle liefert die Energie für vielfältige Produktionsprozesse,
• Ein neues Transportsystem begründet logistische Verfahren anders,
• Kommunikationsverfahren beschleunigen sich und verstehen es, bisher weite Distanzen komplikationslos zu überbrücken.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 7)

Diese Veränderungen bewirken zusammen, dass die Vorstellungen und Wahrnehmungen von Raum und Zeit sich durch Erweiterung und Beschleunigung verändern. Auf dieser Basis entsteht als Folgewirkung eine andere Selbstwahrnehmung von Gesellschaft. Die Kombination aus Energiesystemen, gängigen Kommunikationsverfahren und Logistiksystemen bestimme auch die Art und Weise, wie Macht und gesellschaftliche Teilhabe in Gesellschaften verwirklicht werden.

Für die I. Industrielle Revolution, die dem 19. Jahrhundert Gestalt gibt, dient als entscheidender Energieträger Kohle. Die Eisenbahn verändert das Transportsystem grundlegend. Modernes Pressewesen und Informationsübermittlung mittels Telegraphen geben der Gesellschaft eine vollkommen veränderte Kommunikationslogik. Ihren Ursprung findet diese Revolution in Großbritannien.

Im 20. Jahrhundert folgt dann die II. Industrielle Revolution. Jeremy Rifkin erklärt der griffigen Einfachheit halber die Entwicklungslinie der industriellen Revolutionen anhand des Ablaufs der Jahrhunderte. Die Bezugsgrößen Transport, Energiequelle und Kommunikation bleiben gleich, doch erhalten sie eine radikal andere Bedeutung und Wirkung verpasst. Fabriken wurden elektrifiziert. Diese Energieversorgung wurde zentralisiert organisiert und als wichtigster Energieträger nicht mehr Kohle, sondern Erdöl verwendet. Die Ausbreitung des Telefons ermöglichte es nunmehr, verbale Mitteilungen über weite Distanzen in Echtzeit zu transportieren. Plötzlich konnten Mitmenschen über weite Distanzen miteinander in Echtzeit verbal interagieren, ohne dass physische Präsenz dafür Voraussetzung wäre. In weiterer Folge kam es dann zur Ausbreitung von Fernsehen und Radio. Die Kommunikation erfolgte im Zuge dieser Massenmedien immer monodirektional – einem Absender stand eine Fülle an Empfängern gegenüber. Durch Henry Ford wird die Gesellschaft auf Grundlage des eigenen Autos mobil. Transport und Logistik erhalten eine vollkommen individualisierte Grundstruktur. Der Begriff von machbaren Distanzen erhält plötzlich einen radikal anderen Ausgangspunkt.

 

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 8)

Symbol für die Zweite Industrielle Revolution wurden die Vereinigten Staaten von Amerika. Es war das amerikanische Jahrhundert – medial, hinsichtlich des Rohmaterials Erdöl, dem Auto als individueller Besitz. Die Attraktivität dieses anziehenden American Way of Life strahlte auch über den Atlantik und über den Pazifik hinweg aus. Amerika war die maßgebliche Macht, auch bezüglich der Organisation des Markts in Form von Konzernstrukturen.

Laut Theorie von Jeremy Rifkin gipfelt und endet diese Entwicklungsgeschichte im Jahr 2008, als die Finanzmärkte implodieren. Den Beginn dieser Krisenentwicklung setzt Jeremy Rifkin jedoch nicht mit dem Platzen der Subprime-Krise und in weiterer Folge mit der Liquidierung der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 an. Stattdessen identifiziert er den Bruchpunkt im Juli 2008, als der Preis für ein Barrel Brent Rohöl auf $ 147 stieg. Dieser Rekordpreis erschütterte die Märkte, als die Energiepreise sich basierend auf Rohöl als perspektivisch unfinanzierbar erwiesen. Die Märkte rutschten in eine langanhaltende und tiefgreifende Krise, die zu niedriger Produktivität führte.

Wie nun den Ausweg aus dieser Abwärtsspirale finden? Die Lösung findet sich in der transformativen Alternative der III. Industriellen Revolution. Sie bildet den notwendigen Umbruch, den es braucht, um aus der ökonomischen und gesellschaftlichen Ermattung herauszufinden, die sich mit dem Ende des erschöpften Systems der II. Industriellen Revolution verbindet. Allein der drohende ökologische Kollaps zwingt dazu, in Alternativen zu denken. Weitere Gründe für  eine radikale Transformation: Die Produktivität lässt sich auf Grundlage existierender Systematiken nicht mehr heben. Der Fortschritt der Produktivität hängt eben nicht vom Einsatz der Arbeitskraft und dem Investment von Kapital in Sachanlagen oder Finanzbestände allein ab (siehe Robert Solow). Produktivität gründet auch auf dem Stand der Technologie, die instrumentell genutzt wird.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 9)

Was sich also in der Krise im Jahr 2008 und in den nachfolgenden Jahrzehnten voller Produktivitätsengpässe und Folgekrisen reflektiert, wäre die finale Auslastung und Erschöpfung einer systemischen Struktur. Die ökonomische Wertschöpfung lässt sich auf Grundlage der II. Industriellen Revolution nicht mehr weiter steigern, weil die totale Faktorenproduktivität schlicht nicht weiter gehoben werden kann. Die Technologien, die in der II. Industriellen Revolution genutzt werden, stoßen an die Grenzen möglicher Entwicklungspotenziale.

Die volkswirtschaftliche Entwicklung wird folglich durch den Nutzungsgrad entscheidend bestimmt, der erzielt werden kann. Die Volkswirtschaftslehre spricht von der Aggregate Efficiency. Unter Aggregate Efficiency wird der Quotient verstanden, der sich zwischen der potenziellen Arbeit und der tatsächlich effektiven Arbeit zeigt. Wieviel von der Energie und Arbeitskraft wird wahrlich genutzt, wenn ein Produkt entlang der Wertschöpfungskette von einem Stadium ins nächste gebracht wird? Denn der größte Teil des investierten Aufwands geht verloren und wird verschwendet. Das Wesen der Fortentwicklung der industriellen Revolution liegt also darin, die Aggregate Efficiency zu haben. Das Wirken an der digitalen Transformation hat genau diese Aufgabe. Es steigert die Produktivität zu einem Ausmaß, wie es in bestehenden und vergangenen Strukturen nicht möglich war.

Jeremy Rifkin hält Folgendes fest:
Die zweite industrielle Revolution in den USA begann 1903 mit einer Aggregate Efficiency von 3%. Das bedeutet, dass bei jedem Prozess entlang der Wertschöpfungskette (Extrahierung der Rohmaterialien, Lagerung, Transport,
Produktion, Verbrauch, Recycling) etwa 97% der Energie verloren gegangen sind.
Bis 1990 erreichten dann die USA eine Aggregate Efficiency von etwa 13%, Deutschland von 18,5% und Japan von 20%. Seitdem hat sich an diesem Verhältnis nichts mehr geändert. Arbeitsmarktreformen, Marktreformen, Steuerreformen oder neue Arten von Anreizen oder auch die besten Technologien werden nicht dazu beitragen, dass die Gesamteffizienz steigt, solange wir auf der Plattform der II Industriellen Revolution arbeiten. Wir werden nie die Obergrenze von 20% Gesamteffizienz überschreiten, die den größten Teil der Produktivität ausmacht.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 10)

Die digitale Transformation einer entwickelten Volkswirtschaft wird benötigt, weil das Entwicklungspotenzial der II. Industriellen Revolution ausgeschöpft ist. Insofern markiert die digitale Transformation einen grundlegenden Wandel bestehender Systeme. Ökologisch erscheint die Verschwendung dieser Energiemengen, der benötigen Ressourcen und Materialien fatal und ökonomisch wirkt sie kontraproduktiv. Aus diesem Grund braucht es nun den radikalen Wandel der bestehenden Strukturen. Die nächste Entwicklungsstufe der industriellen Revolution beruht also nicht nur allein auf den neuen Technologien.

Die anstehenden Erneuerungen, die im Zuge der digitalen Transformation erwartet werden können, zeigen laut Jeremy Rifkin Umbrüche bezüglich aller Definitionsmerkmale der industriellen Wertschöpfung – Transport, Energie, Kommunikation:

  • Die Energieressource, die genutzt wird, besteht in der alternativen Energiegewinnung. Dieser Entwicklungsschritt verlangt ein dezentralisiertes Versorgungs- und Verteilungssystem. Datenaustausch und Energieübertragung werden neu gekoppelt, um dieses dezentrale Netzwerk zu organisieren.
  • Transport und Logistik werden durch die Automatisierung und den Einsatz Künstlicher Intelligenz auf Basis von Elektromobilität radikal erneuert.
  • Schließlich begründet die Fortentwicklung der Digitalisierung neue Formen der Datenerhebung und beschleunigte Verfahren der Datenübertragung. Daten von Maschinen, Gegenständen und Personen werden integriert und ausgewertet, um das Wissensaggregat einer Gesellschaft zu heben.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 11)

Die notwendige Infrastruktur, die all diesen Prozessen der III. Industriellen Revolution, dem Datenaustausch und der Datenverarbeitung zugrunde liegt, liefert das Internet der Dinge. Auf Grundlage dieser Infrastruktur entsteht eine verbesserte Logik der Wertschöpfung. Speziell im Zusammenwirken mit anderen technologischen Entwicklungen zeigt sich das Potenzial eines signifikanten Umbruchs, der die Grundlagen ökonomischen Handelns radikal verändern wird.

Auf dieser Grundlage wird sich

  • a) die totale Faktorenproduktivität heben und
  • b) die Aggregat Efficiency markant steigern.

Diese Erwartungshaltung erlaubt radikale Denkmuster: Der moderne Markt ist jener Ort, an dem Angebot und Nachfrage zusammengeführt werden. So lautet die griffigste Definition. Diese Funktion braucht es, weil im Regelfall weniger Angebot als Nachfrage vorhanden ist. Insofern benötigt es Festlegungen, die bestimmen, welche Nachfrage durch Angebote gedeckt wird und welche Bedürfnisse unbefriedigt bleiben. Eine potenzielle und denkbare Veränderung durch die enormen Produktivitätsgewinne im Zuge des Fortschritts der digitalen Transformation kann nun darin bestehen, dass es keinen institutionalisierten Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage in unterschiedlichen marktwirtschaftlichen Zusammenhängen mehr bräuchte: Auf Grundlage der verbesserten totalen Faktorenproduktivität lässt sich günstig genau so viel produzierten, wie als Nachfrage benötigt wird. Wo heute noch der Markt als Instanz des Ausgleichs agieren muss, kann zukünftig günstig und durch gesteigerte Produktivität schlicht die Nachfrage selbst gedeckt werden.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 12)

Warum ist also diese Signifikanz dieser Umbrüche so entscheidend? Über den Zeithorizont der industriellen Revolution hinausgedacht, entdecken die kanadischen Ökonomen Kenneth Carlaw und Richard Lipsey, 24 unterschiedliche Universaltechnologien, die den zivilisatorischen Fortschritt begründen.

Eine Universaltechnologie kennzeichnen unterschiedliche Eigenschaften:

  • Es handelt sich um eine einzigartige, klar bestimmbare, allgemein nutzbare Technologie,
  • Sie zeigt bereits anfänglich schnelle Durchsetzungsfähigkeit, obwohl durchaus noch enormes Verbesserungspotenzial vorhanden wäre,
  • Sie erweist Nützlichkeit in verschiedenen Anwendungsfällen,
  • Die Universaltechnologie verursacht vielfältige und unterschiedliche Folgewirkungen.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 13)

Teil 2 der Tabelle

Alle diese Entwicklungen veranlassen, dass gesellschaftliche Prozesse an
Komplexität gewinnen. Vor dem Hintergrund dieser Innovationen gewinnen
technologische Verfahren stetig an gesellschaftlicher Bedeutung und
Produktivität wächst.

Digitale Transformation bildet folglich einen Bestandteil des technologischen
Fortschritts, der nicht nur wesentlich zum zivilisatorischen Prozess
beiträgt, sondern die entscheidende Intensivierung der Produktivität im
21. Jahrhundert bildet. Unternehmen, Organisationen und Volkswirtschaften,
die auf dieser Grundlage zu operieren verstehen, vermögen es leichter und effektiver, Produktivität zu erwirken als vergleichbare Organisationen, die darauf verzichten. Kapital ist begrenzt und manuelle Arbeit ausgeschöpft, nur wenn Gesellschaften effektiv an der digitalen Transformation wirken, dann kann die Funktion der totalen Faktorenproduktivität gehoben werden und damit effektive Verbesserungen erwirkt werden.

Im Wesentlichen handelt es sich also bei der digitalen Transformation um
einen Umbruch, dessen Verständnis in größere gesellschaftliche und umfassende
zivilisatorische Zusammenhänge eingebettet werden muss. Gegenwärtig
repräsentiert dieser Wandel doch nicht nur einen ökonomischen
oder maschinellen Fortschritt. Er erfasst einen Ausweg aus der ökologischen
Prekäre, in die die industrielle Revolution besonders seit der Mitte
des 20. Jahrhunderts aufgrund der massenhaften Verbrennung von fossilen
Energieträgern geführt hat.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 14)

Wenn also die soziale Dimension der digitalen Transformation reflektiert
wird, dann braucht es gesellschaftliches Bewusstsein, wie die volkswirtschaftlichen
Umbrüche inklusiv gestaltet werden können. Es geht um die Fragestellung, wie die neue Rasanz der technologischen Verbesserungen zu einer inklusiven Gesellschaft führt. Diese Art des Ausgleichs scheint nicht nur innerstaatlich geboten, sondern auch die Aufgabe für eine Weltgesellschaft, die sich aufgrund globaler Technologien stetig mehr integriert und engere Interdependenzen schafft.

Speziell die Finanzierung öffentlicher Haushalte beruht auf der Besteuerung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, wobei der Faktor Arbeit im Regelfall höher besteuert wird als der Faktor Kapital. Die Frage über zeitgemäße Finanzierungsmodalitäten stellt sich also nicht nur vor dem Hintergrund dysfunktionaler Umverteilungsmechanismen, die einer sozialen Schere kaum entgegenwirken, sondern auch aufgrund der Notwendigkeit solider öffentlicher Ausgaben. Wie also die Erträge durch den dritten Produktionsfaktor „totale Faktorenproduktivität“ zu besteuern wären – die Frage scheint wesentlich.
Denn gerade eine solide Ausstattung des öffentlichen Haushalts wirkt für eine wirksame digitale Transformation entscheidend.

Diese Einschätzung gründet auf zwei nachweisbaren Überlegungen:

  • Fortschritte in der digitalen Transformation basieren auf innovativen Unternehmen.
  • Innovatives Unternehmertum, das an der digitalen Transformation wirkt, benötigt aber eine belastbare und radikal erneuerte Infrastruktur.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 15)

Bereits der liberale Denker Adam Smith hat erkannt, dass dem modernen
Staat drei faktische Aufgaben zufallen. Dazu zählen die militärische Verteidigung,
die Etablierung einer zivilen Ordnung im Inneren und schließlich die Bereitstellung von Services oder Institutionen, „die einzurichten und zu erhalten niemals das unmittelbare Interesse von [sic] einzelnen oder einer kleinen Zahl von [sic] einzelnen sein kann.“30 Eine funktionstüchtige Gesellschaft verlangt also als Voraussetzung nach Dienstleistungen, die zwar von vielen dringlich benötigt werden, die aber nicht von einzelnen Personen oder Unternehmen zur Verfügung gestellt oder organisiert werden können.


Ein funktionierender Markt setzt also Bedingungen voraus, die er zwar selbst nicht direkt erwirken kann, die er jedoch für die eigene Funktionstüchtigkeit zweifellos benötigt. In maroden Staaten oder in Gebieten, wo staatliche Herrschaft zusammengebrochen ist, finden sich aufgrund der Unsicherheiten und Rechtlosigkeit keine Bedingungen, die vorausschauendes Handeln und marktwirtschaftliche Kapitalakkumulationen gestatten würden. Das allein ist Ausweis, wie sehr ein funktionierender Markt von einem effektiven Staat abhängt. Doch nicht nur innere Stabilität und außenpolitische Sicherheitsgarantien sind Faktoren, die laut Adam Smith seitens des Staates sicherzustellen wären. Er identifiziert ebenso einen dritten
Bereich an öffentlichen Dienstleistungen, der besorgt werden muss, ohne den eine moderne Gesellschaft nicht angemessen funktioniert.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 16)

Eine zeitgemäße öffentliche Infrastruktur markiert exakt eine solche Vorbedingung,
die mittels öffentlicher Hand garantiert und entwickelt werden
sollte. Entwicklungen wie die Infrastruktur für das Internet der Dinge, ein
funktionstüchtiges 5G Netzwerk
wären beispielsweise Fundamente, auf
denen anschließend unternehmerische Entwicklung aufbauen kann. Damit könnten die unternehmerischen Möglichkeiten genutzt werden, die sich im Zuge der nächsten Entwicklungsstufe der digitalen Transformation eröffnen. Wie die Durchsetzung des Autos den Bau von Straßen benötigte, so brauchen fortschrittlichere Arten der Mobilität nun sicheren Datentransfer durch das Internet der Dinge. Infrastruktur verändert sich also.
Dafür braucht es zum einen eine erträgliche Kooperation zwischen staatlichen und privaten Akteuren, um eine moderne Infrastruktur zu etablieren, deren Bereitstellung sich nicht unmittelbar gewinnträchtig finanzieren ließe.
Allein aus diesem Grund agiert der Staat als maßgeblicher Akteur. Zum anderen zeigt sich besonders im Rahmen der digitalen Transformation, dass innovative Durchbrüche einer Grundlagenforschung bedürfen, die besonders in öffentlichen Institutionen vorangetrieben und auf diese Weise durch die Öffentlichkeit finanziert wird.

Die britisch-italienische Ökonomin Mariana Mazzucato hat beispielsweise den Erfolg des iPhones untersucht und überraschende Details ausmachen können.

Das iPhone galt als maßgebliche Innovation, als es beispielsweise bei Mobiltelefonen die herkömmlichen Displays durch Touchscreens ersetzte.
Eine neue Benutzerschnittstelle wurde implementiert. NutzerInnen konnten nun das Gerät direkt am Bildschirm mittels Einsatzes der eigenen Finger navigieren. Eine andere Neuerung, die sich durch spätere Modelle des iPhones verwirklicht sah, war die Befehlseingabe durch Sprachbedienung.

Beide Technologien wurde aber nun nicht von Apple entwickelt. Stattdessen verstand es das Unternehmen, bestehende Forschung innovativ und ertragreich in einem massentauglichen Konsumprodukt zu integrieren, dessen Verkaufserfolg auch das Ergebnis einer intelligenten Marketingkampagne ist. Wenn aber nicht das Unternehmen selbst die Forschung bestritt, die für den Erfolg mitausschlaggebend war, welche Organisationen steckten dann anfänglich dahinter?

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 17)

Die Anfänge des Touchscreens liegen in einem Forschungsansatz, der als Doktorarbeit in öffentlichen US-Instituten ermöglicht wurde.

Ein Studienprogramm der National Science Foundation (NSF) und der Central Intelligence Agency (CIA) erlaubte dem Doktoranten Wayne Westermann an der öffentlichen University of Delaware seinem Interesse an neuromorphen Systemen nachzugehen. Die Erkenntnisse der Doktorarbeit, deren Forschung aus öffentlichen Geldern finanziert wurde, führten dann weiter zur Gründung des Unternehmens FingerWorks. Als anfängliche Geschäftsführer wirkten der Doktorand und sein Doktorvater John Elias. Die gemachten Entdeckungen wurden schließlich patentiert und das „Startup“ im Jahr 2005 von Apple übernommen.
Die technische Grundlagenforschung für das Touchscreen, das sich dann in iPhones verarbeitet findet, wurde durch öffentliche Forschung finanziert und ermöglicht.

Die Spracherkennungssoftware Siri sollte die Aufgabe eines persönlichen Assistenten erfüllen, der in das Telefon integriert ist, als mit der Software verbal kommuniziert werden kann. Die Software basiert auf  Künstlicher Intelligenz, „die lernfähig ist und über einen Algorithmus zur Websuche verfügt.“ Auch dieses Programm hat Anfänge in staatlicher Forschung und Finanzierung.
 

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 18)

Das Forschungsprojekt, das zur Entwicklung von Siri führte, wurde anfänglich von DARPA (Defense Advanced Research Projekts Agency) initiiert. DARPA bildet eine Behörde des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, die Grundlagenforschung in der Absicht finanziert, moderne Technologien für militärische Zwecke zu entwickeln. DARPA etabliert dabei ein Software-Ökosystem, dessen Mission darin besteht, mit privaten Partnern Soft- und Hardwareentwicklung voranzubringen. Das leitende Interesse ist dabei die militärische Nutzung der Technologie, die später oft auch ziviles Potenzial zeigt. Siri wurde ursprünglich als virtueller Büroassistent für Militärangehörige konzipiert, an dem 20 Universitäten in den USA unter Leitung des Stanford Research Institutes wirkten. Die Forschungsresultate wurden schließlich vom Stanford Research Institute in ein Startup Unternehmen übertragen, das den bezeichnenden Namen „SIRI“ (Speech Interpretation and Recognition Interface) trug und mit dem Investment von Wagniskapital finanziert wurde. „2010 kaufte Apple SIRI für eine Summe, über die beide Seiten sich in Schweigen hüllen.“

Die Chronologie der Ereignisse beschreibt eine generalisierbare Logik, wenn das Zusammenspiel zwischen privaten und öffentlichen Akteuren bzw. der entsprechenden Finanzierungslogiken rekapituliert werden soll:

Die anfängliche Grundlagenforschung kennzeichnet ein Stadium von markanter Ungewissheit. Eine wissenschaftliche Idee wird verfolgt, das Resultat ist aber so ungewiss, dass private Anleger davor zurückscheuen und keine Anschubfinanzierungen wagen. Die einzigen Investoren, die sich für diese Art von Forschung finden, sind öffentliche Institutionen im Bereich von universitären, institutionellen oder öffentlichen Forschungsprogrammen.

Zeigen die Bemühungen Erfolge und bezeugen somit weitere Entwicklungspotenziale, dann erst setzt das Interesse von Wagniskapital ein. Das Unterfangen selbst, eine erfolgreiche Grundlagenforschung zu marktreifen Anwendungen zu verwandeln, wäre immer noch riskant genug. Die eigentliche und ungewisse Grundlagenforschung wird von privaten Investoren deshalb nicht getragen, weil in diesem Stadium die Ungewissheit noch schlicht zu hoch wäre, als dass darin investiert werden könnte.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 19)

Im iPhone finden sich nicht nur eine Spracherkennungssoftware und der Touchscreen als Facetten integriert, die von öffentlicher Forschung anfänglich entwickelt wurden. Auch das GPS-System, Halbleiterelemente auf Siliziumbasis, Akkus auf Lithium-Ionen-Basis, ja selbst Datenübertragung mittels Internet, all diese Entwicklungen markierten zu Beginn öffentliche Forschungsprojekte.

Die unternehmerische Leistung von Apple im Hinblick auf das iPhone bestand also darin, unterschiedliche Innovationen, die durch öffentliche Forschung angestoßen wurden, in einem massentauglichen Produkt zu integrieren und durch geschicktes Marketing globale Absatzmärkte dafür zu kreieren.
Das Problem an diesen erfolgreichen Private-Public Partnerschaften besteht nun darin, dass sie zu oft übersehen werden und die komplexe Wirkweise nicht verstanden wird. Zu oft werden technologischer Innovationsgeist schlicht dem genialen Handeln von UnternehmerInnen zugeschrieben.

Damit wird die Erzählung unzulässig vereinfacht. Vielmehr gilt es, ein institutionelles Setting in modernen Gesellschaften zu bedenken, indem unterschiedliche Akteure unterschiedliche Verantwortlichkeiten wahrnehmen.

Die Ökonomin Mariana Mazzucato kritiert auch das institutionelle Verhalten von Technologiekonzernen – vor allem was die Steueroptimierung dieser Großkonzerne betrifft. Der innovative Erfolg der Technologieriesen und ihre bemerkenswerte unternehmerische Leistung geschieht auf Grundlage der Nutzbarmachung öffentlich finanzierter Forschung und der Integration von Forschungsprojekten, die dann weiterverfolgt werden, wenn öffentliche Institutionen über entsprechende Ressourcen verfügen.

Die öffentliche Hand finanziert Grundlagenforschung, die private Unternehmen aufgrund des damit verbundenen Risikos nicht tragen können. Damit der Staat nun diese Tätigkeiten fortsetzen kann, braucht es eine solide Finanzierungsgrundlage in Form von bezahlten Steuern.
Die anfänglichen Risiken bezüglich technologischer Grundlagenforschung werden also in der Form sozialisiert, als die Gemeinschaft sie finanziell trägt. Die erzielten Profite, die auf diesen überwundenen Risiken bauen, werden dann schließlich vollends privatisiert. Diese Logik zeigt sich als wenig nachhaltig.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 20)

Staatlichen Institutionen kommt eine wesentliche Rolle zu, wenn es um Fragen wie Innovation und Wachstum geht. Öffentlichen Institutionen kommt also eine entscheidende Aufgabe zu betreffend Wirksamkeit des digitalen Wandels. Dieser Zusammenhang muss im Rahmen der digitalen Transformation mitbedacht sein. Die volkswirtschaftliche Produktivität baut  auf den drei Faktoren Arbeit, Kapital und der totalen Faktorenproduktivität auf.

Fortschrittliche Maschinen, die als Kapitalanlage gelten, vermögen nur dann ihr Entwicklungspotenzial zu realisieren, wenn sie in eine fortschrittliche Infrastruktur eingebunden werden.
Doch nicht nur diese komplexe Wirkweise entscheidet über die Zukunft der digitalen Transformation. Gesellschaftliche Entwicklungen können unter demokratischen Rahmenbedingungen dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn sie allgemeine Akzeptanz erfahren. Der digitale Fortschritt wird dann wesentlich und human erscheinen, wenn er merklich gesellschaftliche Verbesserungen erwirkt.

Eine wesentliche Fragestellung, der sich moderne Gesellschaften gegenwärtig stellen sollten, lautet, wie sich der technologische Fortschritt für die ökologische Trendumkehr nutzen lässt und wie in diesem Rahmen soziale Verbesserungen erwirkt werden können. Darin liegt die ethische Aufgabe, die Technologie nicht allein vollbringen kann, sondern die das Engagement von progressiven BürgerInnen in Demokratien verlangt.

Gegenwärtig zeigt sich, dass der technologische Fortschritt gesamtgesellschaftlich mitunter eine soziale Schieflage verstärkt, ein breites Gefühl der Unsicherheit erzeugt und auf die erfolgreichen Aktivitäten einzelner, globaler Unternehmen verkürzt wird. Diese Versäumnisse sind jedoch nicht der Technologie selbst anzulasten.

Immanuel Kant hat bereits richtig erkannt, dass Unzufriedenheit das notwendige Motiv dafür bildet, um Verbesserungen erreichen zu wollen.

Ungleichheit, Produktionsfaktoren und eine moderne Rolle des Staats (Teil 21)

Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Entwicklungen werden also Neuansätze bedacht werden müssen, wie sich die Steuereinnahmen diversifizieren lassen, um volkswirtschaftliche Realitäten besser abzubilden. Die Einnahmengrundlage muss sich diesbezüglich ändern bzw. ausweiten. Unter den Bedingungen, dass die manuelle Arbeitskraft durch technologische Prozesse zunehmend unter Druck gerät, wird dieser Effekt noch zunehmend verstärkt da manuelle Wertschöpfung in den europäischen Steuersystemen im Regelfall höher besteuert wird als Profite auf eingesetztes Kapital. Die Grundzüge der Finanzierung der Sozialversicherungssysteme in Deutschland und Österreich gründen sogar auf einer Herangehensweise, die im 19. Jahrhundert erdacht wurde. Diese Grundlagen werden sich
durch die anstehenden Umbrüche der Zukunft aller Voraussicht nach substanziell verändern müssen. Fragen der Redistribution, der Einheit aus bzw. Abhängigkeit von Einkommen und Arbeit, die Finanzierungsstruktur des verteidigenswerten und verdienstvollen Wohlfahrtsstaates, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Demokratien sind angehalten, diese Debatten offen unter neuen Zugängen und Erkenntnissen zu führen.

Nicht nur dass diese Diskussionen anstehen, sie werden sich auch durch neue Rahmenbedingungen menschlicher Selbstwahrnehmung gestalten.
Zum einen entsteht zusehends bei jüngeren Generationen das erfahrbare Bewusstsein, Bestandteil einer Biosphäre zu sein, deren Funktionstüchtigkeit durch menschliches Verhalten kritisch herausgefordert ist. Zum anderen stellt sich die Frage, wie sich ein aufgeklärter Begriff von Freiheit verteidigen lässt, wenn technologische Entwicklungen die Vorstellung von der
Autonomie des Menschen herausfordern.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma

Der Begriff Freiheit hat eine etymologisch interessante Entwicklungsgeschichte.
Das Wort stammt vom Gotischen freihals und dem Alt- bzw. Mittelhochdeutschen frihals ab. Beide Begriffe standen für Rechtsbezeichnungen.
Denn im Mittelalter waren Sklaven verpflichtet, Ringe um den Hals zu tragen. Das war zuerst Instrument der Unterdrückung, dann als Erkennungsmerkmal Symbol ihres Status. Wenn sie freigelassen wurden, dann legten sie diesen Ring ab. Freie waren eben durch den freien Hals gekennzeichnet. Der freie Hals war das Merkmal des freien Bürgers. Er war frei der Einschränkung und Brandmarkung, der andere unterlagen. Freiheit meint in diesem Zusammenhang das Ablegen von äußeren Zwängen.

Freiheit verfügt im heute gängigen Verständnis über mehrere Wesenszüge und Definitionsmerkmale. Die Ansprüche sind höher, weitreichender, substanzieller. Auf dieser Verständnisgrundlage zeigt sich auch, dass der Begriff Freiheit mehrere Facetten impliziert. Freiheit im politischen Sinne meint essenziell etwas anderes als persönliche Freiheit oder die Wahlfreiheit, die ein Konsument vor einem Supermarktregal erfährt.

Politische Freiheit basiert nach heute gängiger Auffassung beispielsweise auf dem Grundgedanken demokratischer Einhegungen von institutioneller Macht. Diese Bedingung, die sich im Rahmen des historischen Verlaufs der letzten Jahrhunderte herausbildete, besagt, dass keine politische Institution so viel Macht auf sich vereinigen darf, dass sie diese unkontrolliert und regellos ausüben kann. Die Idee von politischen Institutionen, die sich gegenseitig ausbalancieren, sich in der Ausübung und Anwendung von Macht kontrollieren und beschränken, fußt exakt auf diesen Grundlagen. Unabhängige Organisationen kontrollieren die an Gesetze gebundene Machtausübung von einzelnen Institutionen. Dass die Gesetzgebung (Legislative) von der ausführenden Gewalt (Exekutive) und der Rechtsprechung (Judikative) jeweils in Form von eigenständigen Organen getrennt wurde, diese Entwicklung gründet exakt in der Überlegung, die unbestrittene Dominanz einer Institution zu unterbinden.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 1)

Ein Grundsatz, auf dem die Demokratie folglich fußt, besteht darin, dass institutionelle Macht so verteilt werden muss, dass keine Institution legitimerweise gesetzlos und übergriffig handeln kann. Zum einen basieren also demokratische Verfahrensweisen auf der Autonomie von Institutionen, die im Geiste ihre eigenen Auftrags-Kontrollfunktionen ausüben. Dieses Prinzip der gegenseitigen Kontrolleund der institutionellen Ausgewogenheit wird als Checks and Balances bezeichnet. Zum anderen besitzen BürgerInnen unumgängliche Rechte, die sie unter keinen Umständen verwirken. Die Bürgerrechte konstituieren die zivile Basis eines demokratischen Gemeinwesens. Sie definieren, welche unabkömmlichen Garantien die BürgerInnen eines Staates kennzeichnen und wo sich legitime Grenzen staatlichen Handelns befinden.

Das Recht auf freie und geheime Wahl bildet ein solches Bürgerrecht, es ist unabkömmlich. Was meint, es wäre unzulässig in geheimer und freier Wahl darüber abzustimmen, ob dieses Wahlrecht schlicht aufgehoben wird. Da die Demokratie auf der Anerkennung von Bürgerrechten beruht, diese Bürgerrechte gar im Wesentlichen den Kern des demokratischen Gedankens bilden, wäre es selbst bei Einstimmigkeit undemokratisch, das Wahlrecht einfach aufzuheben.
Freiheit bedeutet also in einer gesellschaftlichen Rahmensetzung, dass Willkür durch machtvolle aber eingehegte Institutionen unterbunden wird.
Zum einen, weil die Gewaltenteilung wirksam wird.

  • Zum anderen, weil sich alle handelnden Akteure an geltende Regeln zu halten haben.
  • Zum Weiteren, weil BürgerInnen mit unabdingbaren Rechten ausgestattet sind, die ihnen nicht streitig gemacht werden können.

Diese Grundrechte bilden das eigentliche und wirksame Fundament demokratischer Zivilität. Die universelle Überzeugung würde nun besagen, dass nur in jenen Zusammenhängen die Bedingungen der Freiheit erwirkt werden, wo diese legalistischen Grundsätze erfahrbar sind und einklagbar wären.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 2)

Dieser Ansatz steht im radikalen Gegensatz zur Annahme, dass sich immer dort ein größeres Ausmaß an Freiheit findet, wo möglichst wenig Regeln gelten. Diese Auffassung von Freiheit meint, dass jedes wirksame Gesetz faktisch und unumstößlich eine Einschränkung darstelle und damit konsequent die Freiheit begrenzt werde. Das Problem dieser Auffassung besteht
schlicht darin, dass die vollkommene Regellosigkeit im Regelfall dann nicht zur letzten Expansion der Freiheit führt, sondern diese Form der Anarchie die Vorbedingung dafür bildet, dass sich die Herrschaft des Stärkeren herausbildet.

Aus diesem Grund lässt sich Freiheit nicht als einfaches Nullsummenspiel denken: Mehr Gesetz gleich weniger Freiheit – oder anders, mehr Freiheit verlangt nach weniger Gesetz. Vielmehr gründen moderne und aufgeklärte Auffassungen von Freiheit darin, dass ein spezifisches Arrangement an Institutionen und Gesetzen die Bedingungen gesellschaftlicher
Freiheit eröffnet.

Ist also Freiheit, weil sie teils politisch zu denken wäre, nur in Gemeinschaft erlebbar? Das wäre ein irrender Ansatz. Freiheit konzentriert sich stattdessen immer auf das Individuum. Nur als Individuum lässt sich Freiheit erfahren, im Rahmen der Ausschöpfung der eigenen Möglichkeiten und Veranlagungen.
Aber damit dies wirksam werden kann, braucht es eine geteilte und gesicherte gesellschaftliche Basis und an dieser Grundlage lässt sich permanent progressiv fortwirken. Ihre Entwicklung bildet sogar wesentlich den Prozess des Fortschritts der Moderne ab.
Denn das moderne Zeitalter bildet genaugenommen einen kontinuierlichen, nicht bruchlosen, aber stetigen Prozess, der es versteht, die Wirkung der Freiheit auszuweiten. Im 18. Jahrhundert wird gegen die absolutistischen Herrscher ein Kanon an liberalen Grundrechten erstritten. Ganz im Geiste der Aufklärung wird den absolutistischen Herrschern abverlangt,
ihre Macht zu beschränken, um die Freiheit der BürgerInnen anzuerkennen.
Im 19. Jahrhundert wird entdeckt, dass diese erzielten liberalen Grundrechte erst Sinn ergeben, wenn sie durch politische ergänzt werden.
Das Recht auf freie Meinungsäußerung führt konsequent zum gleichen Stimmrecht. Im 20. Jahrhundert folgt dann die Ergänzung um die sozialen Grundrechte. Fortschritt liegt also in der permanenten Ausweitung von Bürgerrechten im Geiste der Freiheit.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 3)

Das Recht auf freie Meinungsäußerung führt konsequent zum gleichen Stimmrecht. Im 20. Jahrhundert folgt dann die Ergänzung um die sozialen Grundrechte. Fortschritt liegt also in der permanenten Ausweitung von Bürgerrechten im Geiste der Freiheit.

Über die Entwicklungsgeschichte zeigt sich auch, dass diese Form der Freiheit kein finales Stadium erreichen kann. Es gilt als gesellschaftlicher Auftrag, permanent an ihr fortzuwirken, die Freiheit in ihrer Unvollkommenheit fortlaufend zu verbessern.
All diese Prozesse sind aber ohne eine grundsätzliche Einsicht nicht denkbar, die von der Aufklärung erkannt wurde: Es handelt sich um das autonome Individuum, dessen Würde sich nur in Freiheit realisiert. Freiheit ist laut dieser Logik der entsprechende Ausdruck menschlicher Selbstbestimmung.

Diese Autonomie lässt sich nur vor dem Hintergrund der Überzeugung denken, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen besitzt. Durch Logik, Argument, Sinneswahrnehmung begründet sich die Selbstbestimmung des Menschen, die Fähigkeit und die Verpflichtung frei zu agieren. Analyse, Erfahrung, Versuch führen zur Erkenntnis der Welt, in der Absicht, den
Wissenshorizont zu erweitern. Genau dafür braucht es die Stimmen abweichender
Meinungen und selbst irrender Positionen, damit der Fortschritt weiterhin wirksam wird, Argumente sich schärfen und die besseren Erklärungen entdeckt werden. Deshalb sind auch gerade Gespräche zwischen abweichenden Meinungen und Diskussionen zwischen gegensätzlichen Positionen ertragreicher, solange sie der Grundlage vernunftbasierter Akzeptanz objektiver Fakten folgen und einem unvoreingenommenen Erkenntnisinteresse
gehorchen.
Worauf gründet nun Erkenntnis? Erkenntnis meint vorrangig die Einsicht in den eigenen Irrtum bzw. die Korrektur von Fehlannahmen. Wissen entsteht aufgrund der Auflösungen falscher Vorstellungen, wenn bessere Einsichten erschlossen werden.

Diese Form der Freiheit kann kein finales Stadium erreichen. Es gilt als gesellschaftlicher Auftrag, permanent an ihr fortzuwirken, die Freiheit in ihrer Unvollkommenheit fortlaufend zu verbessern. All diese Prozesse sind aber ohne eine grundsätzliche Einsicht nicht denkbar, die von der Aufklärung erkannt wurde: Es handelt sich um das autonome Individuum, dessen Würde sich nur in Freiheit realisiert. Freiheit ist laut dieser Logik der entsprechende Ausdruck menschlicher Selbstbestimmung.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 4)

Diese Autonomie basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen besitzt. Durch Logik,Argument, Sinneswahrnehmung begründet sich die Selbstbestimmung des Menschen, die Fähigkeit und die Verpflichtung frei zu agieren. Analyse, Erfahrung, Versuch führen zur Erkenntnis der Welt, in der Absicht, den Wissenshorizont zu erweitern.

Genau dafür braucht es die Stimmen abweichender Meinungen und selbst irrender Positionen, damit der Fortschritt weiterhin wirksam wird, Argumente sich schärfen und die besseren Erklärungen entdeckt werden. Deshalb sind auch gerade Gespräche zwischen
abweichenden Meinungen und Diskussionen zwischen gegensätzlichen
Positionen ertragreicher, solange sie der Grundlage vernunftbasierter Akzeptanz
objektiver Fakten folgen und einem unvoreingenommenen Erkenntnisinteresse
gehorchen.
Worauf gründet nun Erkenntnis? Erkenntnis meint vorrangig die Einsicht in den eigenen Irrtum bzw. die Korrektur von Fehlannahmen. Wissen entsteht aufgrund der
Auflösungen falscher Vorstellungen, wenn bessere Einsichten erschlossen
werden.

Neues Wissen bricht also überholte Überzeugungen auf. Es verändert die Wahrnehmung und korrigiert falsche Gewissheiten. Wissen bewirkt Veränderung, denn durch Einsicht werden neue Überzeugungen gewonnen, Meinungen ändern sich. Das Prinzip von Freiheit meint genau in diesem Zusammenhang, dass reflektierte Entscheidungen von autonom handelnden Personen getroffen werden.
Eine Grundlage aufgeklärten Denkens besteht in dem Zusammenhang, dass sich vernunftbetontes Wissen verändert und der Mensch willens sei, auf Grundlage eines besseren Verständnisses seine eigenen Ansichten zu ändern. Da Wissen kein fixiertes und abschließendes Stadium an Erkenntnis meint, sondern sich anhand besserer Erklärungen adaptiert, verändern sich persönliche Gewissheiten durch eingehenderes Verständnis eines Sachverhalts. Dieser Reflexionszusammenhang determiniert ein aufgeklärtes Verständnis der Überzeugungen, die den Menschen prägen und sein Handeln leiten. In dieser Wirkung entfaltet sich die autonome Freiheit des Menschen. Dieser Zusammenhang wird nun jedoch durch den aktuellen Aufbau von Technologie fundamental herausgefordert.
 

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 5)

Vor allem die sozialen Netzwerke zeigen, wie diese Prinzipien durch die gegenwärtige Funktionslogik und wirksame Zweckbestimmung von sozialen Netzwerken herausgefordert werden. Warum?
Zum einen gründet das ökonomische Fundament der sozialen Netzwerke auf dem Verkauf von Werbung. Die Werbebotschaften lassen sich dabei denkbar ideal platzieren, als exakt jene Personenkreise adressiert werden können, die vom Marketing als die relevanten Zielgruppen identifiziert werden. Denkbar vielfältige sozio-ökonomische Kriterien lassen sich als Identifikationsmerkmal wählen, um eine relevante Personengruppe zu konstituieren. Die präzise Segmentierung der NutzerInnen von sozialen Netzwerken geschieht anhand der Analyse von Interessen, die individuell auf den Plattformen verfolgt werden, und den Persönlichkeitsmerkmalen, die preisgegeben werden. Diese Informationen werden nicht nur eingehend analysiert und ausgewertet, sie lassen sich auch zu dezidierten und wahlweisen Personengruppen zusammenfassen. Den Werbekunden werden also exakte InteressentInnen angeboten, die mit präzis platzierten Botschaften erreicht werden.

Der Ansatz, dezidierte Personengruppen mit passenden Schlüsselbotschaften in sozialen Netzwerken zu erreichen, wird mit dem Begriff Mikrotargeting umschrieben. Dieses Verfahren erlaubt es, eng begrenzte Mittel der Öffentlichkeitsarbeit möglichst effektiv einzusetzen und einen eingrenzbaren Interessentenkreis mit abgestimmten Nachrichten zu adressieren.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 6)

Bei weitgehend sprachbasierten Netzwerken, wie es beispielweise Facebook darstellt, lässt sich die Analyse von Persönlichkeitsprofilen sehr direkt und einfach gestalten. Komplizierter gestaltet sich das Verfahren, wenn beispielsweise das Netzwerk rein bildbasiert operiert – Instagram, rechtlich zu Facebook gehörend, ist diesbezüglich ein ansehnliches Beispiel. Verstärkte Investitionen in Bilderkennung erklären sich auch genau vor diesem Hintergrund. Erst wenn sich effektive Software dafür einsetzen lässt, den Inhalt von Bildern zu erkennen, dann können tiefgreifende und datenbasierte Analysen über Vorlieben und Verbindungen wirksam werden, die auf Plattformen wie Instagram zur Schau gestellt sind. Dafür müssen Programme über die Fähigkeit verfügen, einzelne Pixel im Zusammenhang mit den umliegenden Pixeln zu verknüpfen. Auf diese Weise werden Zusammengehörigkeiten
erkannt und die dargestellte Abbildung digital analysiert.
Dieser Informationswert erlaubt es, intensive Persönlichkeitsprofile anzulegen. Wie schwierig das teilweise ist und wie präzise die Datenanalysen arbeiten müssen, zeigt das Schaubild unten. Es ist gegenwärtig enorm aufwändig, bei Softwareprogrammen jene Exaktheit zu erreichen, die es braucht, um wesentliche Unterscheidungsmerkmale anhand von Bildmaterialien zu treffen. Das Bild unten, das Muffins oder Chihuahuas zeigt, illustriert
die Diffizilität.

Was erscheint also als wirksames, theoretisches und ideelles Prinzip hinter den erfolgreichen Netzwerken?

Um folglich die gewünschten Verhaltensweisen von NutzerInnen zu befördern und zu initiieren, reflektieren soziale Netzwerke die intellektuellen Grundlagen des Behaviorismus.

Behaviorismus verfolgt den Ansatz, dass menschliches und tierisches Verhalten das Ergebnis von verstärkenden und abschwächenden Faktoren sei. Gewünschtes Verhalten lässt sich also methodisch durch gezielte, manipulative Anreize schaffen.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 7)

Diese Anreize werden in den sozialen Netzwerken durch die kalkulierte Anzeige von Informationen geschaffen. Algorithmen treffen diesbezüglich Entscheidungen, was in den persönlichen Feeds angezeigt wird, wie das individuelle Interesse geweckt und Interaktion motiviert wird. Das bedeutet die Logik der gängigen Netzwerke basiert nicht vorrangig auf der Verknüpfung von Einzelpersonen, sondern auf der Beobachtung von individuellem Verhalten, das gezielt moduliert wird, um möglichst viel ökonomischen Nutzen zu generieren.

Diese Wirkung wird erzielt, indem ein ausgeklügeltes System aus Strafe und Anerkennung etabliert wurde, dass die individuelle Verhaltensweise formt. Anerkennung geschieht in dieser Form vor allem durch ansprechende Reaktionen von anderen, die erfahren werden.
Strafe besteht darin, dass unangenehme Reaktionen in Gestalt von Gegenantworten hervorgerufen werden. Diese intendierten Reaktionen wirken wie Stimuli, die bewusst gesucht und durch die Modifikation des Verhaltens von NutzerInnen herbeigeführt werden. Sie erzeugen ein konkretes Verhalten, das dann von den Plattformen selbst kommerzialisiert wird. Deshalb lässt sich die Wirkweise von sozialen Netzwerken nicht als reine Werbeplattform verstehen. Vielmehr muss die Tiefenwirkung begriffen werden, dass individuelles Verhalten tendenziös und inkrementell moduliert wird.

Der Virtual Reality Pionier und Technikphilosoph Jaron Lanier argumentiert mittlerweile vor diesem Verständnishintergrund dafür, dass sich NutzerInnen von den bestehenden Plattformen lösen müssen, weil die manipulativen Verfahren zur Erosion gesellschaftlichen Ausgleichs und zur Manipulation von Individuen führen. Die bedeutsame Idee von sozialen Netzwerken und der Verbindung von Individuen über das konventionelle Internet wurde durch dieses Geschäftsmodell überdeckt. Jaron Lanier bezeichnet deshalb Unternehmen wie Facebook nicht als soziale Plattformen.
Er erkennt in ihnen auch keine Anzeigenverkäufer, deren Geschäftsmodell schlicht im Vertrieb von Werbeflächen bestehen würde. Vielmehr qualifiziert er die Praxis dieser multinationalen Konzerne als „Imperien zur Verhaltensänderung“

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 8)

In Referenz auf das Freiheitsverständnis, das sich seit Beginn der Aufklärung
herauszubilden begann, zeigt sich eine vehemente Schwierigkeit, die Mikrotargeting bei der politischen Bewusstseinsbildung verursacht. Die Idee, dass wenn persönliche Vorlieben einer Person erstmal entziffert wurden, diese dann durch Anzeigen und Informationen gezielt bedient und verstärkt werden können, widerspricht in letzter Konsequenz dem Prinzip
neuer Einsichten. Nachdem Einstellungen und ideelle Merkmale einer Person entschlüsselt sind, werden jene Nachrichten eingeblendet und dargestellt, die der eigenen Auffassung entsprechen oder radikal andere Ansichten präsentieren, die zur Widerrede aufrufen.
So entsteht eine Bipolarität, die vor allem bezweckt, dass im Netzwerk affirmative Aktion und aggressive Reaktion entsteht, Zeit in den Netzwerken verbracht wird, die Plattformen mit Inhalten gefüllt werden, Stimuli in Form von Bestätigung oder Ablehnung
erhalten werden. All das geschieht, um den ökonomischen Wert einer Plattform steigen zu lassen, je mehr Zeit darauf verbracht wird, je mehr Informationen preisgegeben werden, je größer die Zahl der NutzerInnen, umso interessanter wirkt ein soziales Netzwerk für potenzielle Anzeigekunden.

Dabei nicht berücksichtigt: die Wirkweise der autonomen Entscheidungsfindung, wie sie konzeptionell von aufgeklärten Menschen getroffen wird. Auf Grundlage von besserer Einsicht verändern sich Meinungen und Überzeugungen. Wissen agiert transformativ, vertieftes Verständnis ändert Auffassungen, neue Perspektiven führen zu neuen Ansichten. Diese Logik der Veränderung und des besseren Verständnisses begründet aufgeklärtes Denken, dass dem freien Menschen eigen ist.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 9)

Die Funktionsweise von sozialen Netzwerken hingegen rückt die bestehende Auffassung in den Mittelpunkt und entsprechend werden für NutzerInnen Beiträge bzw. Werbebotschaften arrangiert, die diese vorgefassten Meinungstendenzen verstärken. Nicht durch neue, weitere oder andere Erkenntnisse wird das eigene Bewusstsein herausgefordert, sondern durch die Einblendung von genehmen Positionen entstehen Echokammern. Diese sind daraufhin ausgerichtet, vorgefasste Meinungen zu bestärken, radikale Gegenstandpunkte aufeinanderprallen zu lassen, Auffassungen zu zementieren, anstatt sie zivil herauszufordern und inkrementell zu verändern. Darin liegt eine wesentliche Herausforderung für das Bild eines autonom agierenden Menschen, der fähig wäre auf Basis qualifizierter Analysen und umsichtiger Informationsverarbeitung, ethisch zu agieren.

Die Anzeige von Beiträgen in den sozialen Netzwerken repräsentiert folglich einen kalkulierten und berechneten Ausschnitt an verfügbaren Informationen in den sozialen Netzen, darauf zielend, konkrete Verhaltensweisen der NutzerInnen zu befördern. All das geschieht in der Absicht, NutzerInnen an die Plattform zu binden, um im Rahmen einer digitalen und Algorithmus basierten Aufmerksamkeitsökonomie, Wertsteigerungen zu erwirken.
Nicht nur, dass persönliches Verhalten modifiziert wird und gefasste Vorurteile gekonnt bespielt werden, auch gründen darauf Geschäftsmodelle. Darin besteht eine enorme Herausforderung erwirkter Freiheit.

Die ethische Herausforderung liegt also darin, dass die Prinzipien reflektierter Wissensbildung der gängigen Funktionslogik von sozialen Netzwerken entgegenstehen. Verständnis für einen Sachverhalt wächst dann, wenn sich durch verbesserte Einsichten Meinungen ändern. Die kommunikative Routine auf den sozialen Plattformen hingegen baut auf der Deduktion vorhandener Auffassungen und der entsprechenden Verstärkung
dieser durch ein Schema, das auf Anerkennung und radikaler Konfrontation
aufbaut, auf.

Technologie und Freiheit – das liberale Dilemma (Teil 10)

Das Setup ist also kein Zufall, nicht der Technologie per se zuzuschreiben, die bestimmbaren Folgewirkungen nicht zwangsläufig oder unvermeidbar, wenn soziale Medien genützt werden sollen. Es handelt sich stattdessen, um eine bewusste Entscheidung seitens der Technologiekonzerne, im Interesse des eigenen Marktwerts getroffen. Als fatale Kettenreaktion wirkt die rasante Verbreitung von Falschmeldungen oder ungeprüfter Gerüchte, die Ununterscheidbarkeit zwischen verifizierbaren Tatsachenberichten und haltlosen Behauptungen, die Entstehung von diskursiven Parallelgesellschaften.
Soziale Netzwerke, die einst die öffentlichkeitswirksame Mission für sich selbst definierten, die Menschheit zu vernetzen, zerfallen zusehends in starre Kleinverbindungen. Plattformen strukturieren also nicht ein gemeinsames Netzwerk, sondern erscheinen vielmehr als die operative Grundlage für segregierte und thematisch abgekapselte Subnetze, zerfallen
in zahllose Echokammern.
Ein entscheidender Aspekt, wenn über diese Eigenheit nachgedacht wird, besteht darin, dieses Merkmal nicht als einen unumgänglichen Makel der technologischen Entwicklung zu betrachten, sondern die ökonomische Verwertungslogik zu reflektieren, die das Setup begründete. Anfänglich war es eine rasante Wachstumslogik, die dazu führte, NutzerInnen anzuhalten, möglichst viel ihrer begrenzten Zeit auf Aktivitäten in den sozialen Medien
zu verwenden. Dafür mussten Anreize wie ein Belohnungssystem in Form von der wahrnehmbaren Eigenwirkung geschaffen werden – sei es in Form von verdienten Likes. Als dann die Business-Modelle intensiviert und verbessert wurden, verstärkte sich die bewährte Logik zusätzlich.
Auch aktuell zeigt sich ein Wachstumstrend, bei der durchschnittlichen  Zeit, welche die NutzerInnen von sozialen Medien auf den unterschiedlichen Plattformen verbringen.

Étudier