Kriminologie I

Prüfungsfragen der Vorlesung Kriminologie I bei Prof. Dr. M. Killias an der Universität Zürich.

Prüfungsfragen der Vorlesung Kriminologie I bei Prof. Dr. M. Killias an der Universität Zürich.


Roland Schenkel
Diese Lernkarten behandeln grundlegende Konzepte der Kriminologie auf Universitätsniveau. Sie beleuchten verschiedene Aspekte wie Experimente, Kontrollen und Sanktionen, wobei der Fokus auf Tätern, Opfern und der Entwicklung von Kriminalität liegt. Die Karteikarten eignen sich für Studierende und Fachleute, die ein tieferes Verständnis der kriminologischen Forschung und ihrer praktischen Anwendungen erlangen möchten.
Karten
17
Lernende
15
Sprache
Deutsch
Kategorie
Kriminologie
Stufe
Universität
Erstellt / Aktualisiert
06.07.2011 / 28.05.2023

Lernkarten

Warum sollte die Strafe stets einen „Ausnahme“-Charakter bewahren? Was wäre die Folge, wenn alle „Sünder“ öffentlich sanktioniert würden?

Die sozialen Institutionen (resp. die Gesellschaft überhaupt) können nur

erhalten bleiben, wenn die Leute glauben, dass die (Rechts)Normen/Regeln

eingehalten werden

- sonst würde eine kognitive Dissonanz erzeugt werden

- Tatsache ist aber, dass sich viele Leute nicht an die Normen halten

- um die Fiktion aufrechtzuerhalten, dass die Normen eingehalten

werden, darf nur ein geringer Teil der Normverstösse sanktioniert werden

- dies geht nur, wenn die Normverstösse nicht zu offensichtlich sind

- Die Begehung von Delikten gefährdet Normen nicht, wohl aber die

Kommunikation daru?ber

Nach weit verbreiteter Ansicht hat die Angst vor Kriminalität nichts mit der „realen“ Kriminalität zu tun. Stimmt dies uneingeschränkt? Wie kann man sich die Befunde erklären?

Nein, stimmt nicht uneingeschränkt

- Kriminalitätsfurcht ändert sich aber nur bei starken Veränderungen der

Kriminalitätsraten (z.B. von einem Quartier zum anderen)

- dagegen haben konkrete Erfahrungen einen grossen Einfluss auf die

Kriminalitätsfurcht

Frauen und ältere Menschen fürchten sich in der Regel mehr vor Kriminalität als jüngere Männer, obwohl nicht sie, sondern letztere häufiger Opfer werden. Wie kann man sich dieses Paradox erklären?

Entscheidend ist die Verwundbarkeit

- Frauen und Ältere sind verwundbarer als junge Männer

- Kriminalitätsfurcht hängt von der Wahrscheinlichkeit eines schädigenden

Ereignisses, der Einschätzung ob man sich wehren kann, der Schwere der Folgen desselben und der Bewältigung der Folgen ab

Je nach Studie entfallen nur 20-40 Prozent der Fälle von sexuellem Missbrauch auf Täter, die dem Kind unbekannt waren. Sind also Unbekannte ungefährlich? Begründen Sie kurz Ihre Antwort.

Nein, Unbekannte sind nicht ungefährlich

- Risiko, von Unbekannten missbraucht zu werden, ist nicht so gering, wenn man die durchschnittlich sehr kurze Risikoexposition berücksichtigt

(nur kurze Momente, in denen ein Unbekannter mit einem Kind ungestört

Kontakt aufnehmen kann)

- Deliksrate pro Zeit sehr hoch (höher als bei bekannten Tätern)

Welche Lerntheorie steckt hinter der Theorie der Generalprävention und welche hinter der

Theorie der Spezialprävention? Bitte begru?nden Sie kurz Ihre Antwort.

Generalprävention: kognitive Lerntheorie (andere Ausdrücke: vicarious

learning, Lernen am Modell, Beobachtungslernen, Nachahmungslernen,

imitationslernen, soziales Lernen, Identifikationslernen, Rollenlernen,

stellvertretendes Lernen)

- Mensch lernt von Vorbildern und ahmt ihr Verhalten, wenn es zu den

gewünschten Folgen führt, nach

- mittels Bestrafung eines Täters werden andere von der Begehung ähnlicher

Taten abgeschreckt

Spezialprävention: operante/instrumentelle (negative) Konditionierung

- durch positive (Belohnung) oder negative (Bestrafung) Konsequenz

wird die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens erhöht oder gesenkt

- durch Bestrafung nach einer Straftat soll eine Person davon abgehalten

werden, eine erneute Straftat zu begehen

Warum bringen häufigere Kontrollen (z.B. im Strassenverkehr) auf die Dauer meistens nicht viel? Was braucht es, damit vermehrte Kontrollen nu?tzen?

Generalprävention: Ob eine Tat begangen wird, hängt von der Schwere und

der Wahrscheinlichkeit der Strafe ab

- aber: kein linearer Verlauf

- Um einen Effekt zu erzielen, muss der kritische Schwellenwert (treshold)

überschritten werden, was nur selten erzielt wird

- Es braucht eine massive Erhöhung der Kontrollen

- Im Strassenverkehr fehlen die finanziellen und personellen Mittel,

um die Kontrollen so stark zu erhöhen, dass sie den kritischen Schwellenwert

überschreiten

- Vermehrte Kontrollen würden evt. nützen, wenn sie an neuralgischen

Orten (Hotspots) oder zu neuralgischen Zeiten punktuell stark erhöht

würden

Rückfälle sind häufiger nach Freiheitsstrafen als nach anderen (nicht freiheitsentziehenden) Sanktionen. Wie muss man sich dies erklären?

- Meistens wird kein kontrolliertes Experiment durchgeführt, d.h. Personen

werden nicht zufällig den verschiedenen Strafarten zugeteilt

- Personen, die schlechtere Prognosen aufweisen (z.B. aufgrund häufigerer

Vorstrafen), erhalten eher eine freiheitsentziehende Strafe, deshalb

Rückfälle bei ihnen häufiger

- Freiheitsstrafe gar nicht ausschlaggebend

Welchen Vorteil hat ein kontrolliertes Experiment, wenn es darum geht, eine neue Sanktion zu testen?

- Kausale Interpretation ist möglich

Kontrolliertes Experiment heisst:

- Messung vor und nach der Sanktion

- inkl. Kontrollgruppe

- wobei Personen zufällig auf Experimental- und Kontrollgruppe verteilt

werden (Gruppen vor Sanktion identisch)

- spätere Nachevaluation des Experiments ist möglich

- Evaluation kann auch ungeplante Variablen aufnehmen

Wie soll man vorgehen, wenn verschiedene Experimente zu derselben Frage widersprüchliche Ergebnisse liefern?

Durchführen einer Metaanalyse

- nur Berücksichtigung von methodisch einwandfreien Studien

- Beru?cksichtigung von möglichen Unterschiedenen in Zeit und Raum

Lernen