Verkehr und Mobilität SS26 TUC
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Flashcards
Definieren Sie das Fachgebiet und nennen Sie die vier zentralen Untersuchungsaspekte.
Sie untersucht das Erleben und Verhalten von Menschen in Mobilitätssystemen sowie die zugrundeliegenden psychischen Prozesse. Die vier Aspekte sind: Wahrnehmung, Entscheidung, Verhalten und Gestaltung.
Warum wird „menschliches Versagen“ in der modernen Forschung oft als „bequemes Etikett“ kritisiert?
Weil Fehler menschlich und normal sind; ob ein Fehler zum Unfall führt, entscheidet oft das System (Infrastruktur, Regeln, Fahrzeuggestaltung). Entscheidend ist, wie Systeme mit menschlicher Fehlbarkeit umgehen.
Wie wandelte sich der Fokus der Verkehrspsychologie von 1910 bis heute?
Von der „Suche nach dem ungeeigneten Fahrer“ (Eignungsprüfung ab 1910) hin zur „Analyse des riskanten Systems“ (systemischer Turn ab ca. 1950)
Ordnen Sie „Eignungsdiagnostik“ und „Mensch-Maschine-Interaktion“ in das 2x2-Schema (Individuum/System vs. Diagnose/Intervention) ein.
- Eignungsdiagnostik: Individuum + Diagnose.
- Mensch-Maschine-Interaktion: System + Intervention.
Warum nutzt die Verkehrspsychologie das Falsifikationsprinzip statt Beweise?
llgemeine Gesetzmäßigkeiten (z. B. Fahrermodelle) lassen sich logisch nicht durch Einzelfälle beweisen --> Induktionsproblem. Man muss daher versuchen, Theorien zu widerlegen (falsifizieren); unerwartete Ergebnisse sind dabei am wertvollsten.
Was ist der prinzipielle Nachteil klassischer Experimente gegenüber Mobilfunkdaten?
Experimente und Selbstauskünfte liefern oft nur kleine Datenmengen und punktuelle Erhebungen. Big Data (z. B. anonymisierte Mobilfunkströme) erlaubt die Abbildung ganzer Mobilitätsströme und Echtzeit-Vorhersagen.
Warum wird behauptet: „Verkehrsforschung ist immer auch Macht über Verhalten“?
Je besser wir menschliches Verhalten messen und verstehen, desto effektiver können wir es beeinflussen, was ein ethisches Spannungsfeld zwischen Erkenntnisgewinn und Kontrolle erzeugt.
Wie wird die Relevanz des Themas Verkehrssicherheit durch die WHO untermauert?
Verkehrsunfälle sind weltweit die häufigste Todesursache bei den 5–29-Jährigen; jährlich sterben global ca. 1,19 Millionen Menschen.
Was ist die zentrale wissenschaftliche Fragestellung bei der Erhebung von Verkehrsdaten?
Das Ziel ist der Übergang von bloßen Alltagseindrücken (z. B. „Leute fahren zu schnell“) hin zu wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen über das Verhalten und die Mobilität.
Nennen Sie den wichtigsten Indikator für die Verkehrsmittelwahl und drei weitere Basiseinheiten zur Messung von Mobilität.
Der wichtigste Indikator ist der Modal Split. Weitere Basiseinheiten sind die Anzahl der Wege, die Personenkilometer und die tägliche Unterwegszeit.
Typen von Verkehrsmodellen: Wie unterscheiden sich Verhaltensmodelle von KI-/ML-Modellen in ihrer Zielsetzung?
Verhaltensmodelle dienen der Erklärung und Vorhersage individuellen Verhaltens mit starker theoretischer Bindung. KI-/ML-Modelle zielen auf maximale Vorhersagegenauigkeit ab, bieten aber keine Garantie für psychologische Plausibilität.
Erklären Sie das Prinzip von UV und AV im verkehrspsychologischen Experiment.
Die unabhängige Variable (UV) wird systematisch variiert (z. B. Frustration beim Fahrer), um deren Einfluss auf die abhängige Variable (AV) (z. B. aggressives Fahren) zu messen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu belegen.
Welchen Zweck erfüllt die zufällige Zuweisung von Probanden zu Gruppen?
Sie stellt sicher, dass sich die Gruppen nicht bereits vor der Behandlung in wichtigen Merkmalen unterscheiden, sodass Unterschiede im Ergebnis tatsächlich auf die Variation der UV zurückgeführt werden können.
Was untersucht die Epidemiologie im Kontext des Straßenverkehrs?
Sie identifiziert systematisch Muster, Häufigkeiten und Risikofaktoren im realen Verkehrsgeschehen. Der Unfall wird dabei metaphorisch als die schlimmste „Krankheit“ des Verkehrs betrachtet
Unterscheiden Sie kurz zwischen (kumulativer) Inzidenz und Prävalenz bei Unfällen.
Die Inzidenz beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fahrer in einem bestimmten Zeitraum einen Unfall hat (Neuerkrankung). Die Prävalenz beschreibt die Größe des Problems zu einem Stichtag (Bestand), z. B. wie viele Fahrzeuge aktuell unfallbedingt fahruntüchtig sind.
Was ist der Hauptunterschied zwischen Kohortenstudien und Fall-Kontroll-Studien?
Kohortenstudien vergleichen exponierte (z. B. Alkoholfahrer) mit nicht-exponierten Gruppen hinsichtlich des späteren Unfallausgangs. Fall-Kontroll-Studien gehen vom Ergebnis (Unfall passiert oder nicht) aus und schauen rückblickend auf die Einflussfaktoren (z. B. war Alkohol im Spiel?).
Nennen Sie zwei Gründe, warum man eine Feldstudie (z. B. Naturalistic Driving Study) einem Laborexperiment vorziehen würde.
1. Weil die künstliche Laborsituation das relevante Verhalten zu stark beeinflussen könnte. 2. Weil bestimmte Faktoren (z. B. echte Gefahr) im Labor aus ethischen Gründen nicht hergestellt werden können.
Wägen Sie den Einsatz eines Fahrsimulators kurz ab.
Vorteil: Kontrollierte Untersuchung seltener oder gefährlicher Ereignisse ohne reales Risiko. Nachteil: Ergebnisse sind oft nur begrenzt auf den Alltag übertragbar (mangelnde externe Validität), da die Realitätstreue (z. B. Bewegungsinformationen) nie 100% erreicht wird.
Welches Ziel verfolgt der Einsatz der verschiedenen Methodengruppen trotz steigender Fahrleistung?
Das Hauptziel ist die Erhöhung der Verkehrssicherheit, konkret: weniger Verunglückte bei gleichzeitig steigender Anzahl an Fahrten.
Nennen Sie drei Methodengruppen und das jeweils damit verbundene Ziel.
- Beobachtung: Verhalten erfassen.
- Experiment: Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge testen.
- Selbstberichte: Subjektive Wahrnehmungen erheben.
Welche vier Kriterien sollten Sie heranziehen, um die Qualität eines Diagramms (Sekundärdatenanalyse) zu bewerten?
1. Beschriftung der Achsen, 2. Vollständigkeit der Angaben, 3. Vermeidung von Verzerrungen (Skalierung/Farbe), 4. Transparenz der Datenquelle und Aktualität.
Welcher Anlass führt laut Statistik (2023) am häufigsten zu einer MPU?
Drogen und Medikamente machen mit 33 % den größten Anteil aus, gefolgt von erstmaliger Alkoholauffälligkeit (27 %).
Erläutern Sie den historischen Wandel vom Konzept der „Unfallneigung“ hin zu modernen Ansätzen.
Früher suchte man nach einem stabilen Persönlichkeitsmerkmal („accident proneness“), das Unfälle begünstigt. Heute stehen psychologisch orientierte Konzepte wie Risikotheorien und Human Factors (menschliche Faktoren) im Vordergrund.
Unfälle entstehen meist durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Nennen Sie vier Kategorien.
1. Menschliches Fehlverhalten, 2. Umgebungsfaktoren (z. B. Infrastruktur, Wetter), 3. Fahrzeugzustand, 4. Verkehrsregeln und deren Durchsetzung.
Worin unterscheidet sich die Auswahl der Probanden bei einer Kohortenstudie von einer Fall-Kontroll-Studie?
Bei einer Kohortenstudie erfolgt die Auswahl nach der Exposition (z. B. Raucher vs. Nichtraucher), bei einer Fall-Kontroll-Studie nach dem Effekt (z. B. Unfallopfer vs. unfallfrei).
Was ist der Gold-Standard in der Forschung und warum ist er in der Verkehrspsychologie oft ethisch problematisch?
Der Gold-Standard ist das randomisierte, doppelblinde Experiment (RCT). Ethisch problematisch ist es, weil man Probanden nicht absichtlich riskanten Bedingungen (z. B. Alkoholfahrt oder Unfallsituationen) aussetzen darf.
Skizzieren Sie kurz den Ablauf einer Fall-Kontroll-Studie.
1. Fälle (mit Merkmal) und Kontrollen (ohne Merkmal) identifizieren, 2. den Expositionsstatus retrospektiv (rückblickend) feststellen, 3. Gruppen vergleichen, um Risikofaktoren aufzudecken.
Vor- und Nachteile von Fall-Kontroll-Studien
Vorteile: Schnell, kostengünstig, gut für seltene Ereignisse geeignet.
Nachteile: Retrospektiv (fehleranfällig), schwierig für Kausalschlüsse, Gefahr des Recall Bias (Erinnerungsverzerrung).
Warum werden in der Verkehrspsychologie trotz Verzerrungsgefahr Selbstberichte (Fragebögen) genutzt?
Weil sie eine reichhaltige Informationsquelle bieten und Zugang zu nicht beobachtbaren Vorgängen (Gedanken, Motive, Gefühle) ermöglichen, die durch reines Smartphone-Tracking oder Beobachtung verborgen bleiben.
Warum sind absolute Zahlen verunglückter Personen (z. B. Männer zwischen 25–35 Jahren) allein keine ausreichende Basis für eine Risikodiagnose?
Weil entscheidende Bezugsgrößen („Nenner“) fehlen. Ein hohes Risiko zeigt sich erst im Verhältnis zur Bevölkerung, der individuellen Fahrleistung (Kilometer) oder der Anzahl der Wege.
Skizzieren Sie die unterschiedlichen Risikoprofile von jungen (18–25 J.) und älteren (70+ J.) Fahrern.
Junge Fahrer unterliegen primär einem Motivations- und Expositionsrisiko (z. B. Nachtfahrten, Alkohol, Peer-Einfluss). Ältere Fahrer zeigen eher ein Wahrnehmungs-, Entscheidungs- und Kompensationsrisiko (z. B. Überforderung an Kreuzungen, Vorfahrtsfehler).
Warum ist das Alter allein keine einfache Erklärung für Unfallraten? Nennen Sie die vier Hypothesen.
- Leistungshypothese: Abbau von Sinnen und Kognition.
- Expositionshypothese: Andere Strecken/Zeiten (z. B. mehr innerorts).
- Kompensationshypothese: Vermeidung schwieriger Situationen.
- Kohortenhypothese: Unterschiede in der Sozialisation und Fahrpraxis früherer Generationen.
Was belegen Studien über Personen, die erst im hohen Alter (z. B. mit 56 J.) den Führerschein machen?
Fahrerfahrung erklärt viel, aber nicht alles. Ein 17-jähriger Anfänger hat ein deutlich höheres Risiko als ein 56-jähriger Anfänger, da jugendspezifische Motive und Lebensumstände zusätzlich zum Mangel an Routine wirken
Welche drei Interventionsansätze für junge Menschen werden unterschieden? Geben Sie je ein Beispiel.
- Gefahren erkennen: Gezieltes Training der Antizipation und des Blickverhaltens.
- Risikoanlässe reduzieren: Alternative Mobilität wie Nachtbusse gegen nächtliche Freizeitunfälle.
- Kontrollierte Erfahrung: Begleitetes Fahren ab 17 (senkt Unfälle um ca. 28,5 %) oder die Probezeit.
Das Crash Sequence Model: Warum sind laut diesem Modell oft „Antizipationsfehler“ entscheidender als reine „Reaktionsfehler“?
Unfälle entstehen oft Sekundenbruchteile vor der eigentlichen Reaktion. Wer Gefahrenhinweise durch besseres „Scanning“ früher erkennt, behält eine Reaktionsreserve; eine Verzögerung von nur 0,25 Sekunden kann diesen Spielraum bereits aufbrauchen.
Was misst das UFOV und welche Bedeutung hat es im Alter?
Es misst, wie gut zentrale und periphere Informationen gleichzeitig verarbeitet werden. Eine Reduktion des UFOV geht mit einem deutlich erhöhten Unfallrisiko einher und gilt als wichtiger Vermittler für verschiedene visuelle Einschränkungen.
Welche drei Schritte setzt eine erfolgreiche Verhaltensanpassung (Kompensation) voraus?
1. Das Defizit erkennen, 2. das Risiko akzeptieren und 3. das Verhalten anpassen (z. B. Nachtfahrten meiden).Problematisch ist dies bei Erkrankungen wie Demenz, welche die Selbsteinschätzung stören.
Existiert die „Unfallpersönlichkeit“? Erläutern Sie den Zusammenhang.
Nein, ein stabiler „Unfalltyp“ ist nicht nachweisbar. Persönlichkeit wirkt indirekt: Eigenschaften wie niedrige Gewissenhaftigkeit oder hohe Aggressivität beeinflussen Risikopfade (z. B. geringere Aufmerksamkeit), was wiederum das Unfallrisiko erhöht.
Warum ist Alkohol im Straßenverkehr psychologisch eine „doppelte Falle“?
Alkohol reduziert massiv die kognitive und motorische Leistung und schwächt gleichzeitig die Fähigkeit, diesen Leistungsabfall realistisch einzuschätzen (Selbstüberschätzung).
Warum wird die Relevanz des Fußverkehrs in Statistiken oft unterschätzt
Meist wird nur das Hauptverkehrsmittel abgefragt. Fußwege als Zugang (z. B. der Weg zum Bus oder Parkplatz) werden oft nicht erfasst, was die tatsächliche Verkehrsleistung verzerrt.